„Was wäre, wenn? Diese Frage steht am Anfang von Eva Reisingers Romandebüt „Männer töten“. Und dass in dem Buch Männer sterben, schickt der Text als „Triggerwarnung“ sicherheitshalber auch voraus. Getötet werden in Fiktion wie im echten Leben, das ist triste Chronistenpflicht, vornehmlich Frauen. Im Schnitt, sagt die Statistik, wird in Österreich jede zweite Woche eine Frau ermordet. Frau Reisinger, gelernte Journalistin, dreht an den Fakten und fragt: Was wäre, wenn. Ihr Text spielt mit Stereotypen und reichert sie kundig und kunstvoll mit popkulturellen Hinweisen an: Hier die polyglotte Härte der deutschen Großstadt, dort die ungleich bodenständigere Härte der oberösterreichischen Provinz. So weit, so Anti-Heimat. Doch die Verschiebungen sind augenfällig. In Engelhartskirchen herrschen Frauen. Und sie beharren auf ihr Recht auf Rache für das, was ihnen angetan wurde. „Männer töten“ ist ein zu Ende gedachtes Gedankenexperiment in Sätzen ohne Fett und Schnörkel: Literarische Täter-Opfer-Umkehr, der gelungene, bisweilen grotesk grausame und ungeheuer komische Versuch, die Wirklichkeit, unsere Wirklichkeit, ins Kenntliche zu entstellen, eine selbstbewusste Gegengeschichte, die den Blick für die Geschichten schärft, die man fern von Engelhartskirchen zu übersehen gelernt hat – stumpfe Gewalt wider das Abstumpfen, wenn man so will. Moralisierend ist „Männer töten“ nicht beizukommen. Ein moralisches Unterfangen ist dieser Roman trotzdem. Oder gerade deswegen. Solange man bei „Männer töten“ unweigerlich an tötende Männer denkt, muss dieser Roman lieferbar bleiben.“
