„Anna Kims „Geschichte eines Kindes“ ist eine eindringliche literarische Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Herkunft und Zugehörigkeit sowie den damit verbundenen Vorurteilen. Der spannungsreich aufgebaute Roman basiert auf zwei Erzählsträngen. Zum einen handelt er von einem USA-Aufenthalt einer österreichischen Schriftstellerin im Jahr 2013. Zum anderen wird ausführlich aus den Akten des Sozialdienstes der Erzdiözese Green Bay aus den Jahren 1953 bis 1959 zitiert, in denen es um ein uneheliches Kind und den hindernisreichen Weg bis zu seiner Adoption geht. Was diesen Prozess so kompliziert macht, ist der Verdacht, dass das Kind einen schwarzen Vater hat – in einer homogen weißen Umgebung wird das als Skandal betrachtet. Kim hat diesen Erzählstrang auf tatsächlichem Aktenmaterial aufgebaut und die ausführlichen Zitate daraus machen auf eindrucksvolle Weise den obsessiv rassistischen Blick der zuständigen Behörden deutlich, denen es um die Vermessung aller körperlichen Details des Kindes geht, als ob das etwas über seinen Charakter und sein Wesen aussagen würde. Der Roman macht den Trugschluss, von äußerlichen Merkmalen auf Zugehörigkeit und Identität zu schließen, aber auch in der gegenwärtigen Gesellschaft sichtbar. So schafft es die Autorin, ein aktuelles Thema nicht nur mit historischer Tiefenschärfe zu behandeln, sondern es auch in eine überzeugende erzählerische Form zu bringen.“
