„Die Ich-Erzählerin in Helena Adlers Roman „Fretten“ leidet an „Herkunftshader“ – und an der österreichischen Provinz, wo die Leichen des Ungesagten nicht im Keller liegen, sondern sich in der Stube stapeln. Es handelt sich dabei um eine Welt des Verschweigens und der Unschärfe, in der Trugbilder, Selbstlüge und Erinnerung ineinander verschwimmen. Zugleich aber ist es auch eine an ihrer Oberfläche scharf konturierte Welt, die sehr genau zwischen Dazugehörigen und „Unverwandten“ zu trennen weiß. Dagegen rennt Helena Adlers Erzählerin an, mit Unangepasstheit und vor allem mit Worten. „Fretten“ handelt vom ländlich Schönen der Kindheit, von jugendlichem Aufbegehren, Alternativlosigkeit, die sich in Gewalt entlädt, ebenso wie von Mutterschaft. Der Roman spielt mit den Elementen dessen, was seit Thomas Bernhard, Franz Innerhofer und Elfriede Jelinek als „Anti-Heimatliteratur“ gilt. Doch Helena Adler will die „Heimat“ und die Auswirkungen, die sie auf ihre Bewohner oder Insassen hat, nicht nur anklagen oder aufzeigen, sie will sie durch eine Überfülle von Sprache und Bildern neutralisieren. Besseres kann man von Literatur nicht erwarten, zumal dieser virtuose Roman nicht nur Risse in die Mauern des Schweigens sprengt, sondern weit über die vermeintliche Provinz hinausgeht, indem er von Randständigkeit, unstillbarem Verlangen und einem Schmerz erzählt, der sich der Gewöhnung verweigert.“
