Die Gründerinnen Paula Bolyos und Jenny Unger wollten einen Ort schaffen, der feministische Literatur und Werke von FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen) stärkt und in den Fokus rückt – und damit die Lücke schließen, die seit der Schließung der Buchhandlung Frauenzimmer im Jahr 2007 in Wien bestand.
Über die Jahre hat ChickLit zahlreiche Lesungen und Veranstaltungen organisiert und dabei ein starkes Netzwerk an Autor:innen, Leser:innen und feministischen Projekten aufgebaut. Sie organisieren Büchertische bei verschiedenen Events, etwa bei Fachveranstaltungen oder Lesungen, und kooperieren mit kulturellen sowie wissenschaftlichen Einrichtungen.
Ihr Sortiment umfasst feministische, lesbische, queere, trans* und inter Literatur sowie Sachbücher, Kinderbücher und Graphic Novels. Auch feministische Magazine wie an.schläge, Frauen*solidarität, aep, Missy Magazine und Clio sind vertreten. Das Sortiment ist bewusst vielfältig und zeigt auf, wie Feminismus in verschiedenen Bereichen und von unterschiedlichen Perspektiven aus beleuchtet wird. Das Angebot ist nicht nur für feministisch Interessierte, sondern auch für all jene, die sich auf eine Entdeckungsreise feministisch geprägter Literatur begeben möchten.
Jenny Unger und Paula Bolyos im Interview
Was hat euch ursprünglich dazu inspiriert, eure Buchhandlung zu gründen? Welche Lücke in der Buchlandschaft wolltet ihr damit damals schließen?
Als wir die Buchhandlung ins Leben gerufen haben, gab es in Wien, aber auch in anderen Städten, eine klare Leerstelle in Bezug auf feministische Literatur. Es existierten lediglich ein paar wenige feministische Buchhandlungen in Deutschland, und viele davon sind mittlerweile leider geschlossen.
Ein echter Fokus auf feministische Literatur oder Intersektionalität, also die Berücksichtigung unterschiedlicher Diskriminierungsformen, war fast völlig abwesend. Obwohl es einige Buchhandlungen mit breitem Sortiment gab, war dieser spezifische Schwerpunkt schlichtweg nicht vorhanden.
Unser Anliegen war es, einen Raum zu schaffen, der die Sichtbarkeit der Literatur von Frauen und FLINTA* -Personen in den Mittelpunkt stellt – eine Literatur, die in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum oft zu wenig Anerkennung fand. Diese Lücke wollten wir füllen. Und auch wenn wir mittlerweile glücklicherweise einen Aufschwung in der Repräsentation erleben – was großartig ist – bleibt es weiterhin wichtig, diese Perspektiven nachhaltig zu fördern und sichtbar zu machen.
Eine Buchhandlung ist ja nicht nur ein Ort zum Bücherkaufen, sondern auch ein kultureller und politischer Raum. Welche Rolle seht ihr für ChickLit innerhalb der feministischen Bewegung?
Unsere Buchhandlung ist ein Raum, in dem sich unterschiedliche feministische Generationen begegnen. Wir haben ein breites Sortiment, das verschiedene feministische Perspektiven abbildet, und unser Team ist altersmäßig durchmischt. Das führt zu einem spannenden Austausch darüber, wie Feminismus heute gelebt und verstanden wird.

„Ich finde es wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen – wenn man das gerade kann – und durch Literatur andere Lebensrealitäten kennenzulernen. Das kann inspirieren und vielleicht sogar dazu anregen, selbst etwas zu verändern.“
(c) Buchhandlung ChickLit
In welchen Bereichen der feministischen Literatur bemerkt ihr einen Zuwachs – gibt es bestimmte Themen, die momentan besonders häufig in der Literatur vorkommen?
Einen Zuwachs im wissenschaftlichen, aber auch belletristischen Bereich gab es in den letzten Jahren bei Literatur von trans und nichtbinären Personen. Eine Zeit lang gab es einen starken Fokus auf Klassismus- und Sozialkritik, auch in Bezug auf Arbeitsverhältnisse. Care-Arbeit war in diesem Zusammenhang auch ein wichtiger Schwerpunkt. Sichtbarer wurden auch BIPoC-Autor:innen, unter anderem durch vermehrte Übersetzungen aus dem angloamerikanischen Sprachraum, aber auch durch Antira-Bewegungen im deutschsprachigen Raum.
Auch in der Kinderliteratur gibt es interessante Entwicklungen. Themen wie Selbstbehauptung, Körperbewusstsein und das Erkennen eigener Grenzen rücken wieder stärker in den Fokus, nachdem es eine Zeit lang wenig neue Titel dazu gab. Besonders auffällig war auch der Boom an Frauenbiografien für Kinder.
In der Belletristik war in den letzten Jahren vor allem auch das Thema Gewalt an Frauen und Femizide sehr präsent. Aktuell gibt es zum Beispiel das Kinderbuch Keine Party ist auch keine Lösung, das die Geschichte eines Kindes erzählt, das in einem Frauenhaus lebt.
Gibt es einen feministischen Buchtipp, den jede:r gelesen haben sollte?
Das kommt ganz darauf an, wo jemand gerade im Leben steht. Jede Person bringt eine andere Perspektive mit, abhängig von Alter, Erfahrungen oder dem Umfeld, in dem sie lebt und arbeitet. Deshalb gibt es für mich nicht das eine Buch, das jede:r gelesen haben muss. Aber wenn es darum geht, sich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen, ist es natürlich großartig, wenn man zum Beispiel bell hooks liest – ihr intersektionaler Blick ist sehr wichtig.
Gleichzeitig kann Feminismus in der Literatur auch auf ganz andere Weise erfahrbar werden. Wenn man etwa Gedichte von Mascha Kaléko liest, steckt da auch viel über Frauenleben drin. Ich finde es wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen – wenn man das gerade kann – und durch Literatur andere Lebensrealitäten kennenzulernen. Das kann inspirieren und vielleicht sogar dazu anregen, selbst etwas zu verändern.
Welche aktuellen Veröffentlichungen könnt ihr empfehlen? Gibt es etwas im Frühlingsprogramm, das euch besonders ins Auge gestochen ist?
Das ist eine schwierige Frage. Wild wuchern von Katharina Köller ist ein Buch, das aktuell viele bewegt. Es ist eine Geschichte über Gewalt in der Partnerschaft. Die Protagonistin flieht zu ihrer Cousine in die Berge, und die Sprache ist unglaublich bildhaft. Besonders faszinierend ist, wie Köller den Zustand der Protagonistin beschreibt und die Freundinnenschaft, die sich trotz einer schwierigen Kindheit entwickelt hat. Der Autorin gelingt es, sich in die Leben zweier sehr unterschiedlicher Frauen einzufühlen und die verschiedenen Perspektiven – basierend auf ihren völlig unterschiedlichen Kindheiten – zu vergleichen.
Ein weiteres empfehlenswertes Buch ist Die Zeit der Fliegen von Claudia Piñeiro. Die Geschichte handelt von einer Frau, die ins Gefängnis kommt, weil sie die Geliebte ihres Mannes erschossen hat. Es geht um den Zusammenhalt zwischen Frauen und die komplexen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern in einer patriarchalen Gesellschaft. Das Buch hinterfragt das Erlernen von Konkurrenzdenken unter Frauen. Außerdem gibt es Passagen, in denen ein feministischer Chor zu Wort kommt, der verschiedene Generationen zusammenbringt – eine sehr spannende Perspektive, weil es eine interessante Außensicht auf die Thematik bietet.
Seht ihr aufgrund der aktuellen politischen Situation derzeit Rückschritte oder vermehrte Barrieren für die Verbreitung feministischer Literatur?
Schwer zu sagen, ob sich die aktuelle politische Lage schon direkt auswirkt. Aber generell gibt es immer Wellen und Aufschwünge – und dann flaut das Interesse wieder ab. Bei manchen Verlagen merke ich schon, dass in schwierigen Zeiten stärker auf Verkaufszahlen geachtet wird. Wenn feministische Bücher sich weniger gut verkaufen, wird auch weniger in diese Richtung veröffentlicht. Ob sich daraus langfristig eine größere Schwierigkeit für feministische Literatur ergibt oder ob es eine Gegenbewegung geben wird, bleibt abzuwarten. Ich hoffe natürlich, dass sich viele der positiven Veränderungen als nachhaltig erweisen, denn in einigen Verlagen sind neue Überzeugungen gewachsen. Es wurde auch erkannt, dass feministische Literatur nicht nur wichtig ist, sondern auch qualitativ hochwertig – und das zählt für viele. Außerdem gibt es natürlich explizit feministische Verlage und feministische Verleger:innen, die weiterhin entsprechende Bücher veröffentlichen werden.
Auch das Phänomen der banned books könnte sich auswirken, wenn Bücher mit feministischen Inhalten verboten werden. Gleichzeitig zeigt die Vergangenheit, dass gerade verbotene Bücher oft besonders gefragt sind. Ein Beispiel aus Europa ist das ungarische Märchenbuch „Märchenland für alle“ mit queeren Inhalten, das sich sowohl im Original als auch auf Deutsch gut verkauft.
Vielen Dank für das Interview!
