Archive des Schreibens: Stefanie Sargnagel

Im Rahmen des Gastlandauftritts Österreichs auf der Leipziger Buchmesse 2023 entsteht in Kooperation mit dem ORF-Fernsehen unter dem Titel „Archive des Schreibens“ ein filmisches Archiv österreichischer Gegenwartsliteratur, das zeitgenössische österreichische Autor:innen in ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvoll gestalteten Kurzporträts einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In der neuen Folge ist Stefanie Sargnagel zu sehen.

Mit Feminismus, Zartgefühl und Beisl-, manchmal auch Beidlschmäh zaubert sie Kürzesttexte, den Gegenwert einer politischen Kolumne packt sie in eine einzelne Zeichnung. Aus ihren Hobbys „owezaan“ und „Biertrinken“ ist in den letzten Jahren eine steile Karriere gewachsen: Stefanie Sargnagel, Autorin und Cartoonistin, steht für ein Frauenbild, das selbst im Jahr 2023 offenbar einige noch immer nicht verkraften. Im Dezember soll ihr zweiter Roman erscheinen.

„Iowa. Ein Ausflug nach Amerika“ heißt das bei Rowohlt angekündigte Buch, in dem es um Sargnagels USA-Aufenthalt geht. Als Lehrende für kreatives Schreiben war sie 2022 ein Semester lang an einem „kleinen College mitten im Nirgendwo“, das Buch dürfte darauf ein Rückblick sein. Ein resümierendes Zitat liefert der Verlag vorab mit, und da blitzt bereits der typische Sargnagel-Zugang durch: Iowa, das sei eine „spezielle Elendskombi aus Einöde, Fastfood und Sonnenuntergängen hinter Tankstellen“. Plattitüden auszuschlachten, das Triviale zu feiern, das beherrscht die 1986 geborene Autorin königsklassenmäßig.

Sargnagel ist eine bekennende Biografieverwerterin, wer also ihre Texte kennt, dem kann punkto Lebensdaten nicht viel Neues verraten werden: Die Mutter Krankenschwester, der Vater Installateur, wächst sie unter dem Namen Stefanie Sprengnagel in einem Wiener Gemeindebau in Hernals auf. Lange Zeit war Sargnagel im Do-it-yourself-Modus unterwegs, scherte sich zwischen 14 und Mitte 20 um wenig außer Freunde treffen, Fortgehen, Bier trinken, Gras rauchen, das in einschlägigen „Hittn“ wie dem Café Gypsy Baron oder Espresso König beschafft wurde.

Nachlesen kann man das alles in „Dicht“, ihrem hochgelobten Debütroman von 2021. In der fast klassischen Coming-of-Age-Geschichte erzählt Sargnagel, wie der Schulalltag sie als Hippiemädchen anödet und ihr Lebensmittelpunkt sich zunehmend in die 30-Quadratmeter-Gemeindebauwohnung vom „Aids-Michl“ verlagert, wo Alkis, Psychotiker und Schüler Unterschlupf finden. Das alles kommt leichtfüßig, zugleich zartfühlend und mit viel Selbstironie daher.

Sargnagels konkrete Erinnerung an die Zeit ist ihren Aussagen nach dürftig, bei der Rekonstruktion dieser Jahre half ein tagebuchartiger Blog, den sie ab 16 führte. „Ich hab immer schon gezeichnet und geschrieben“, so Sargnagel im „Archive des Schreibens“-Gespräch. Mit ihren Texten sei sie immer erfolgreicher gewesen, dabei zeichne sie eigentlich viel lieber. „Schreiben ist so anstrengend, Schreiben ist eine wahnsinnig intellektuelle, konzentrierte Tätigkeit.“

Sargnagel studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Die für die Aufnahmsprüfung eingereichte Mappe war, so zumindest in „Dicht“ beschrieben, ein standesgemäßes Billa-Sackerl. Berühmt wurde sie aber im Internet, mit ihren Facebook-Posts über ihre Arbeit im Callcenter, die zusammengestöpselt als „Binge Living: Callcenter-Monologe“ 2013 auch als Buch erschienen – mit 3.000 Exemplaren der Überraschungserfolg des Kleinverlags Redelsteiner Dahimène Edition.

Mit dem Nachfolgeband „Fitness“ (2015) war dann der Medienhype rund um die Wiener-Szene-Größe perfekt. Zuschreibungen und Labels sprossen nur so aus dem Boden: „Die lustigste Frau der Stadt“ titelte der Falter, für andere war sie der „Facebook-Superstar“ oder die „Poetin aus dem Gemeindebau“. Wobei Kritik auch nicht auf sich warten ließ, und gerne untergriffig formuliert wurde: Von einer „wirren Ansammlung von Statusupdates und Ausfälligem“ schrieb etwa der Spiegel über „Fitness“; der Kulturbetrieb wolle lediglich „jemanden Prekäres hypen“ und hoffe „auf krasse Suffanekdoten“.

Auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern ätzte 2016 in Richtung Sargnagel, „aufmerksamkeitsökonomische Alertheit und literarische Qualität“ seien zwei verschiedene Paar Schuhe. Dass Sargnagel als ausgefuchste Social-Media-Userin weiß, wie man Aufmerksamkeit generiert, ist jedenfalls eine Tatsache. Ihre satirischen Berichte über das FPÖ-Oktoberfest, den Wiener Opernball und die Bayreuther Festspiele sorgten für Furore. Und wer kann schon von sich behaupten, dass die erste Romanlesetour gleich zweieinhalb Jahre dahinschnurrt?

Wobei nicht alle von Sargnagels Provokationen in geplanten Bahnen verliefen. Eine böse Wendung war etwa „Babykatzengate“, das mit einem satirischen Text über eine Marokko-Reise seinen Anfang nahm, in dem Sargnagel von einer „zur Seite getretenen“ Babykatze schrieb. Die „Krone“ nahm das zum Anlass, eine regelrechte Kampagne gegen die Autorin zu fahren. Sargnagel erhielt daraufhin Mord- und Vergewaltigungsdrohungen.

Facebook sperrte als Reaktion allerdings nicht die Trolle, sondern die Künstlerin selbst. Als Unterstützungsnetzwerk trat damals die Burschenschaft Hysteria auf den Plan, die als weibliches Gegenbündnis zu patriarchalen Verbindungen das goldene Matriarchat proklamiert. Auch darüber hinaus ist Sargnagel in feministischen Seilschaften auf Tour, etwa mit dem Autorinnenkollektiv „Wiener Grippe“ (gemeinsam mit Maria Muhar und Lydia Haider) und den „Legends of Entertainment“ (mit Entertainerin Denice Bourbon und Musikerin Christiane Rösinger).

Immer wieder sieht sich Sargnagel mit Shitstorms konfrontiert, oft, weil sie sich nicht um Benimmregeln schert, ihr Humor „tiaf“ und geschult an Deix und seiner deftigen Körperlichkeit ist, was sich in den Augen vieler Kritiker offenbar für eine Frau nicht ziemt. Sargnagel trinkt Dosenbier, kokettiert mit Leistungsverweigerung und schreibt über nach Brie riechende Strumpfhosen – ein öffentlich inszeniertes Frauenbild, das immer noch für Anstoß sorgt.

„Ich glaub, viele Leute halten mich für aggressiver als ich bin, durch meine Kunst“, so Sargnagel im Gespräch, „dabei bin ich eigentlich eher harmoniebedürftig.“ Egal ob im Cartoon oder im Text, Sargnagels künstlerisches Zaubermittel heißt Pointierung, was aufmerksamkeitsökonomisch Fluch und Segen zugleich ist: „Nippies in die Klangschalen scheißen“ (mit dem Kofferwort aus „Nazis“ und „Hippies“) lautete ihre Parole auf der Gegendemo zum Pandemiemaßnahmenprotest 2021, die die Runde machte, was ihr einmal mehr viel Onlinehass einbrachte.

Sargnagel, längst arriviert, 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis ausgezeichnet und 2021 mit einer eigenen spielfilmlangen Mockumentary über ihr Leben geehrt, beherrscht aber auch bestens die Abrechnung mit dem eigenen Milieu. Mit einer Mischkulanz aus Zärtlichkeit und Verachtung spöttelt sie etwa über „rich kids“ an der Kunstuni oder den Anteil an Linksradikalen, „der mit dem Rotstift gierig darauf wartet, die moralischen Fehlleistungen in meinen Witzen zu finden“.

Was Sargnagel trotz teilweise tieffliegender Witze auszeichnet, ist ein feines Gespür für Zwischentöne. Die politische Haltung ist ebenso klar wie eine bodenständige Grundherzlichkeit. Dass sich die auch auf ihre Iowa-Erfahrung überträgt, davon ist auszugehen – um die „Lebensnotwendigkeit von Freundschaften“ soll es da ebenfalls gehen.

Sehen können Sie Stefanie Sargnagel im ORF-Topos-Player im neuesten Porträt der ‚Archive des Schreibens‘-Reihe unter folgendem Link: https://topos.orf.at/archive-des-schreibens-stefanie-sargnagel100

Text: Paula Pfoser

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