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anzeiger 9/2021 – Bunte Blätter und bunte Bücher

Der Herbst hat sich nicht nur im Wetterbericht, sondern auch in den Bücherregalen bemerkbar gemacht. Im Belletristik-Bereich verspricht er neben vielfältigen und aktuellen Themen auch neu entdeckte Klassiker. Drei Buchhändlerinnen präsentieren ausgewählte Neuerscheinungen aus dem Belletristik-Bereich und erzählen von Trends und Themen im Herbst.

Text: Hannah Jutz

Landleben, Slim-fit-Politiker und wenig bekannte Kulturen
Lioba Bauer von der Buchinsel

Vor über einem Jahrhundert, im Jahre 1912, wurde die Buchinsel im fünften Wiener Gemeindebezirk gegründet. Seit 2013 führen Lioba Bauer und ihr Sohn die kleine Buchhandlung. Neben Belletristik gibt es in der Buchhandlung auch Kinder- und Jugendbücher, Reiseliteratur und Sachbücher aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Philosophie, Psychologie, Wirtschaft und Geschichte. Über 4.000 Titel finden in der 35 Quadratmeter großen Buchhandlung ihren Platz.

Bei den Belletristik-Neuerscheinungen im Herbst, besonders bei Titeln von österreichischen Verlagen und Autor*innen, sind Lioba Bauer vielfältige sowie interessante Themen und Darstellungen aufgefallen: „So finden wir Probleme des Landlebens – ein häufiges Thema in den letzten beiden Jahren – in ,2001‘ (Hanser) von Angela Lehner, in diesem Fall der österreichischen ländlichen Jugend in den 2000ern, oder auch in Nastasa Krambergers ,Verfluchte Misteln‘ (Verbrecher Verlag), wo es um den Kampf mit der Rückständigkeit in einem slowenischen Dorf geht.“ Ebenfalls auf dem Land angesiedelt ist der neue Roman „Die Nachricht“ (Hanser) von Doris Knecht, dieser greife aber zusätzlich die Frage der Selbstbestimmung von Frauen auf. „Mit einem noch nicht aufgearbeiteten, aber schon des Öfteren bearbeiteten Thema österreichischer Geschichte setzt sich Eva Menasse in ,Dunkelblum‘ (Kiepenheuer & Witsch) sprachlich grandios auseinander.“

Mit „Die verschissene Zeit“ von Barbi Marković, das von der Belgrader Jugend in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts handelt, und Peter Henischs „Der Jahrhundert­roman“ haben es zwei sehr unterschiedliche Bücher aus dem Residenz Verlag in die Auswahl von Bauer geschafft. Letzteres ist eine „mit einem originellen Rahmen versehene Geschichte österreichischer Romangrößen des 20. Jahrhunderts inklusive aktuellem Bezug zur derzeitigen Abschiebeproblematik.“

Auch politische Romane dürfen in der ­Bücherinsel nicht fehlen: „Der derzeitigen (Politiker-)Generation ‚Slim fit‘ nehmen sich Elias Hirschl – unterhaltsam und bös in ,Salonfähig‘ (Zsolnay) – und Reinhard Tötschinger als Rahmenthema für seinen Fälscherroman ,Rochade‘ (Picus) an.“ Von Kremayr & Scheriau ist mit „Mama“ der Erstlingsroman von Jessica Lind, einer jungen Dramaturgin und Drehbuchautorin, zum Thema Schwangerschaft erschienen. „Und der Czernin Verlag bringt mit ,Ausrasten‘ wieder skurrile ­Wiener Erzählungen von Christopher Wurm­d­obler heraus, die Mitte September im Film­casino präsentiert werden.“

Neben Themen wie Landleben, Politik und Geschichte sind auch unterschiedliche Kulturen bei den Neuerscheinungen präsent. In „Weiße Nacht“ (Suhrkamp) von Bae Suah tauchen die Leser*nnen in eine schwülheiße Nacht in Seoul ein. „Zum Thema Rassismus legen u. a. Colson Whitehead mit ,Harlem Shuffle‘ (Hanser) und Yaa Gyasi mit ,Ein erhabenes Königreich‘ (Dumont) Titel vor.“ Ein weiterer Titel zum Thema ist „Crap“ (Ars ­Vivendi) von Scott McClanahan, das in originellen Erinnerungssequenzen von seiner Jugend in einer armen Familie in West Virginia handelt, großartig übersetzt von Clemens Setz.

 

Fremde Küsse, traumhafte Kulissen und schillernde Persönlichkeiten
Petra Hofer von der Grätzlbuchhandlung Lainz

Nur rund 20 Quadratmeter fasst die Grätzlbuchhandlung Lainz von Petra Hofer. Im Juni 2013 eröffnete die Buchhandlung im 13. Wiener Gemeindebezirk. „Die Buchhandlung bietet auf winzigem Raum ein gutes literarisches Sortiment und kann aufgrund ihrer ‚Größe‘ sehr familiär und persönlich agieren – der Name ‚Grätzlbuchhandlung‘ ist hier Programm!“ Die Größe der Buchhandlung erfordert eine präzise Auswahl. „Dabei richtet sich mein Augenmerk weniger auf sogenannte Stapelbücher. Oft sind es die kleineren, unabhängigen Verlage, in denen es Schätze zu heben gilt. Gerne lasse ich mir von den Verlagsvertreter*innen und den Verlagen meines Vertrauens Bücher empfehlen – die Endauswahl treffe ich dann viellesend selbst.“

Bei der Auswahl legt Hofer großen Wert auf sprachliche Qualität, Originalität der Geschichten und verlegerische Sorgfalt. „Die Bücher müssen in erster Linie mich überzeugen, dann kann ich sie auch überzeugend empfehlen.“ Aktuell liest die Buchhändlerin das soeben erschienene Buch „Tal der Herrlichkeiten“ (Matthes & Seitz) von Anne Weber. Im Roman trifft Sperber, ein Mann mittleren Alters, auf eine mysteriöse Fremde, die ihn kommentarlos auf die Lippen küsst und dann wieder verschwindet. Er macht sich auf die Suche nach ihr und landet schließlich in Paris.

„Und da sind noch einige mehr auf meiner Leseliste, die mit großer Freude erwartet werden.“ Mit viel Begeisterung las Hofer auch „Träume und Kulissen“ (Jung und Jung) von Alida Bremer. Der Roman spielt im Split der 1930er, einem Zeitalter der ­Träume, mit denen die einen Geschäfte und die anderen Filme machen. Vor dieser Kulisse muss Mario Bulat einen Mord aufklären. Aber tatsächlich scheint jeder schon mehr zu wissen als er.

Einen Lieblingsverlag hat die Buchhändlerin nicht – nur unzählige Lieblingsbücher aus vielen unterschiedlichen Verlagen. „Es erstaunt mich immer wieder, wo sich die Perlen entdecken lassen – insofern sichte ich alle Verlagsprogramme mit Belletristik im Angebot.“ Neben den üblichen Bestsellern, beispielsweise von Donna Leon, sind die Kund*innen der Grätzlbuchhandlung durchaus bereit, unbekanntes Literarisches zu entdecken, und folgen gerne den Empfehlungen von Hofer. „Außerdem sind sie, den Vorlieben der Buchhändlerin folgend, klassikeraffin.“

Aufgefallen sind Hofer im Herbstprogramm viele Geschichten über dysfunktionale Familien und Beziehungen. Aber auch viele Titel, in denen „MeToo“ und „Black Lives Matter“ eine große Rolle spielen. Ebenfalls spürbar ist, dass der Wunsch nach leichterer Unterhaltung, vermutlich coronabedingt, zugenommen hat. „Hier tue ich mir ein wenig schwer, weil die Bücher oft an meinem Lesegeschmack vorbeigeschrieben sind – aber auch hier gibt es durchaus feine Dinge zu entdecken.“

Ein Buch, das Qualität und Leichtigkeit auf literarisch wunderbare Weise verbindet, ist „Mr. Wilder und ich“ (Folio) von Jonathan Coe, das das Kino-Genie Billy Wilder porträtiert (siehe großes Interview mit dem Autor auf den Seiten 36 ff.).

 

Gelassenheit, Gastrokritiker und Geschlechterdiskurse
Angelika Schimunek von der Bücherstube

Vor 41 Jahren hat Angelika Schimunek die Bücherstube in der Grazer Prokopigasse eröffnet. Neben zahlreichen Büchern, gestapelt bis an die Decke, gibt es in der verwinkelten Buchhandlung auch verschiedene Papierwaren, Karten, Magazine, CDs und Schallplatten zu entdecken. Was in der Stube keinen Platz findet, wird im Handumdrehen von Schimunek bestellt. Die Belletristik sucht die Buchhändlerin nach ihren eigenen Interessen aus. „Außerdem sehe ich mir die Besprechungen in den Medien an – falls interessante Titel besprochen werden, kaufe ich danach ein.“ Bekannt ist die Buchhandlung auch für den Verkauf von Nachdrucken alter Kinderbücher.

Bei den Neuerscheinungen legt Schimunek großen Wert auf die Verlage Matthes & Seitz, Friedenauer Presse, Berenberg, Jung und Jung, Insel und Suhrkamp. Aber auch Titel von Ritter, Residenz und Droschl nimmt die Buchhändlerin gerne in ihr Sortiment auf. „Wenn es aus diesen Verlagen spannende Titel gibt, bestelle ich diese immer sofort nach Ankündigung.“ Aus dem Jung und Jung Verlag ist dies beispielweise „Mein Leben sieht genauso aus wie ich. Österreichische Autorinnen der Zwischenkriegszeit. Ein Lesebuch“ (Jung und Jung), herausgegeben von Katharina Manojlovic und Kerstin Putz. Im Fokus des Bandes stehen Körperbilder und Geschlechterdiskurse in der Literatur österreichischer Autorinnen der Zwischenkriegszeit. Diese Zeit war in vielen Bereichen eine Zeit des Aufbruchs, der Neuerung und des Überdenkens von alten Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Ebenfalls in den Regalen der Bücherstube zu finden ist der Roman „Bosch oder Der Einzige und seine Einzelzelle“ (Ritter Literatur) von Günter Eichberger. Im Zentrum des Buchs steht Gastrokritiker Bosch, dessen einziger Genuss an seiner Arbeit in der Verfassung von feuilletonistischen Restaurantvernichtungen besteht – bis er eine Wunderköchin kennenlernt, die zu seinem neuen Ziel wird. „Eine interessante Neuerscheinung ist auch ‚Gedankenspiele über die Gelassenheit‘ (Droschl) von Ilse Helbich.“ Im Buch erzählt die 1923 geborene Autorin in Anekdoten Beispiele und Gegenbeispiele zum Begriff. Durch ihre angereicherte Lebenserfahrung und ihr Weltwissen lässt Helbich die Lesenden an dem teilhaben, woran es oftmals fehlt: Gelassenheit.

Im Herbstprogramm hat Schimunek viele Nachdrucke von Literatur aus den 1920er- und 1930er-Jahren entdeckt. „Neben aktueller Literatur ist bei den Bücherstube-Kund*innen auch gute und zeitlose Literatur sehr gefragt.“ Ebenfalls aufgefallen sind der Buchhändlerin viele Neuerscheinungen von vergleichsweise jungen Schriftsteller*innen.

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