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Anzeiger 7/8/2021 – Ich bin Melancholiker…

… und mische mich in mein eigenes Leben nur ein, wenn es unbedingt sein muss, sagt Dževad Karahasan, Meister der Literatur.

Interview: Erich Klein

Dževad Karahasan (geb. 1953 in Duvno, SFR Jugoslawien), bosnischer Schriftsteller und Dramaturg, studierte in Sarajevo und Zagreb, danach war er Dozent an der Akademie für szenische Künste der Universität Sarajevo. 1993 verließ er die Stadt, eine Rückkehr war bis zum Ende der Belagerung nicht möglich. Er unterrichtete an europäischen Universitäten und lebt seit 1996 abwechselnd in Sarajevo und Graz. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Kürzlich erschien sein erstmals 1993 publiziertes „Tagebuch der Aussiedlung“ in ergänzter und überarbeiteter Form bei Suhrkamp als „Tagebuch der Übersiedlung“.

Herr Karahasan, was war Ihre erste Begegnung mit Österreich?

Dževad Karahasan – Als Gymnasiast und Student verdiente ich in den Sommermonaten mein Taschengeld und später das Geld fürs Studium durch Schwarzarbeit auf Baustellen in Deutschland, Österreich und Italien. Ich suchte damals auch Bibliotheken und Museen auf – ich war eine Mischung aus Gastarbeiter und Reisendem.

 

Als „Tschusch“ wurden Sie damals vermutlich auch tituliert?

Karahasan – Ich hatte damit keine besonderen Probleme – wäre ich empfindlich gewesen, hätte ich damit auch in Jugoslawien Probleme gehabt. In der größten Teilrepublik Serbien nannte man die bosnischen Muslime hartnäckig „Türken“. Als mir klar wurde, dass mich auch wohlwollende Gesprächspartner als Türken bezeichnen, erfand ich eine wilde Pseudomythologie – dass meine Familie aus Anatolien stamme und noch immer ein Res­taurantschiff meines Onkels den Bosporus befahre. Gott behüte, es war nicht angenehm, aber es war mir immer schon egal, wenn man mich als Gastarbeiter, „Tschusch“ oder „faulen Balkaneser“ bezeichnete. (lacht)

 

Welche Bücher suchten Sie damals in den ­Bibliotheken?

Karahasan – In Deutschland vor allem Bücher mit guten Reproduktionen von Albrecht Dürer. Dürer war schon im Gymnasium eine meiner Obsessionen – nach Jugoslawien kamen die italienischen Bände über große Maler erst sehr spät. Und natürlich Georg Büchner und Heinrich von Kleist. Diesen Schriftstellern gilt nicht nur meine Liebe, sie sind meine Krankheit, meine Obsession. In Österreich interessierten mich Rainer Maria­ Rilke, Joseph Roth und Hermann Broch.

 

Sie wuchsen in einer Kleinstadt in Herzegowina auf – was war Ihre erste Begegnung mit Büchern?

Karahasan – An erster Stelle stand Karl May – „Winnetou“. Ich habe schon in der zweiten Klasse Volkschule alle drei Teile gelesen und natürlich auch etliche Male geweint. Karl Mays Fähigkeit, brüderlich zu empfinden, hat mich sehr geprägt, er hat in mir die Offenheit für das Fremde geweckt. Ich schrieb einmal eine Polemik gegen Hans Magnus Enzensberger, der sich als Experte für den Balkan ausgab und keinerlei Ahnung davon hatte. Da stellte ich die Frage: Warum ist, verdammt noch mal, Karl May der Einzige, der über uns Indianer verständnisvoll geschrieben hat? Sehr früh kamen unsere jugoslawischen Autoren und dann Goethe und Tschechow dazu. Man konnte in Duvno recht gut lesen.

 

Ihr Vater war, wie Sie mehrfach sagten, ein „gläubiger Kommunist“ und Ihre Mutter eine Muslima …

Karahasan – Wenn ich ihn als gläubigen Kommunisten bezeichnete, wollte ich ihn von den professionellen Kommunisten unterscheiden. In jeder Ideologie gibt es gläubige und professionelle Anhänger. Mein Vater war schon vor dem Zweiten Weltkrieg, als das tatsächlich gefährlich war, Mitglied der kommunistischen Partei. Er hat nach dem Krieg auch keinen hohen Posten in Jugoslawien angenommen. Er wollte einfach solidarisch leben und träumte von einer gerechten Gesellschaft. Später dann enttäuscht, wiederholte er oft: Unsere Idee ist richtig und gut, wir haben Fehler bei der Umsetzung gemacht, aber die Idee bleibt.

 

Was war er von Beruf?

Karahasan – Techniker für den Arbeitsschutz: Welche Kleidung, Schuhe und Gerätschaften ein Arbeiter haben musste, um bei der Arbeit nicht verletzt zu werden. Er wurde 1917 noch in der Monarchie geboren, lebte im SHS-Staat, im Ustascha-Staat, im zweiten Jugoslawien, im Unabhängigen Bosnien und Herzegowina und in Herzeg-Bosna – insgesamt in sechs Staaten. Er hat sein Haus kein einziges Mal verlassen und starb unter dem Bild von Tito 1994.

 

Das Haus wurde nie zerstört?

Karahasan – Das Haus ist zwar baufällig, aber es steht heute noch, ich übernachte dort, wenn ich in Duvno bin.

 

Sie hatten nie ideologische Auseinander­setzungen? Das klingt unwahrscheinlich …

Karahasan – Ich bin Melancholiker und habe wie alle Melancholiker Distanz zu allem, auch zu mir selbst. Ein Melancholiker sieht die Welt wie durch eine gläserne­ Wand und mischt sich nicht ein. Halb im Scherz sage ich gelegentlich, dass ich mich in mein eigenes Leben nur einmische, wenn es unbedingt sein muss. Das galt auch für Titos Kommunismus. Mein Vater war ein Aktivist, und ich nehme an, dass es für ihn die tiefste Enttäuschung im Leben war, dass aus mir kein engagierter Mensch wurde. Wir haben nie wirklich gut miteinander kommuniziert, aber es gab auch keine großen Konflikte. Die einzige harte Auseinandersetzung kam, als ich nach der Volkschule ein Handwerk lernen wollte. Meine Lehrer waren entsetzt: Der beste Schüler will Handwerker werden! Mir ging es darum, eine denkende Hand zu bekommen – ich bin überzeugt, dass unser Körper ein großartiges Instrument für das Denken ist, manche Dinge kann man nur mit der Hand denken. Ich schreibe bis heute mit der Hand. Mein Vater wollte das auf keinen Fall zulassen und hat mich in der Automechanikerwerkstatt, in der ich schon eine Stelle hatte, ab- und am Gymnasium angemeldet. Meine Mutter war mir immer viel näher als der Vater, wie ich vertrat sie keine ideologische Position. Ich bin weder konservativ noch modern, weder Kommunist noch Monarchist … Ich war niemals Mitglied der kommunistischen Partei, aber auch kein professioneller Antikommunist. Ich mag weder Nationalisten, und genauso wenig mag ich professionelle Antinationalisten.

 

Sie sind Bosnier, Muslim, Schriftsteller …

Karahasan – Ich bin Schriftsteller, Anhänger von FC Freiburg und FC Čelik in Zenica, einer Fußballmannschaft in Bosnien, ein leidenschaftlicher Leser – es gibt sehr viele Zugehörigkeiten, die ich gern akzeptiere. Keine davon ist in irgendeiner Weise ideologisch geprägt. Vereinfachungen, die es in jeder Ideologie gibt, kann ich nicht akzeptieren. Ideologie ist – wie Genosse Marx einmal sagte – falsches Bewusstsein. Sie tut so, als wüsste sie etwas, weiß aber nichts. Ideologie spaltet Gesellschaften, daher kann ich Ideologien nicht ausstehen.

 

Zur Zeit Ihres Studiums wurde in Jugoslawien hitzig diskutiert, das soll an Ihnen einfach vorbeigegangen sein?

Karahasan – Ich habe all das erlebt, mich aber daran nicht beteiligt. Ich war und bin bis heute ein unheilbarer Jugoslawe und überzeugt, dass für Mitteleuropa eine Vielvölkerföderation die beste Lösung wäre. Meine großen Lehrer Robert Musil und Miroslav Krleža, über den ich promoviert habe, hatten in den 1920er-Jahren kein gutes Wort für Kakanien übrig, keine sechzig Jahre später schrieb der nicht weniger bedeutende Schriftsteller Milan Kundera Essays voller Sehnsucht nach Mitteleuropa – im Grunde ging es dabei um Kakanien. Es liegt mir fern, Österreich-Ungarn zu idealisieren, der Staat machte große Fehler, aber es war auch eine gute Möglichkeit für viele kleinen Völker, Gefahren und Fallen zu vermeiden. In kleinen Ländern ist die Gefahr der Provinzialisierung sehr groß, kaum hast du zwei Bücher geschrieben, wirst du schon zum Klassiker! (lacht) Kultur und Leben bedeuten aber Offenheit: Die größte Gefahr ist der Mythos von kultureller Reinheit, der in kleinen Ländern sehr leicht entsteht. Kultur kann aber nie rein sein, Kultur braucht Gesprächspartner! Jugoslawien war für mich ein Versuch, etwas aus der k. u. k. Monarchie herüberzuretten  – sieben, acht Völker, die einigermaßen gut miteinander auskommen könnten. Selbstverständlich habe ich den „Kroatischen Frühling“, die serbische Entdeckung des Nationalismus und die Wiederbelebung des Kosovo-Mythos erlebt und mit Kollegen aus Kroatien, Serbien und Slowenien darüber gesprochen. Ich hatte dabei nie die Absicht, sie von Jugoslawien zu überzeugen, aber dennoch immer gehofft, dass man irgendwie miteinander auskommen würde.

 

Können Sie mit Nationalisten der anderen Seite heute wieder reden?

Karahasan – Ehrlich gesagt kann ich mit ­ihnen reden, tue das aber äußerst ungern.

 

Sie sind Muslim …

Karahasan – Ich hatte das Glück, in Bosnien Formen von Religion kennenzulernen, die sehr produktiv waren. Leider wird Religion sehr oft durch die Institution, die sich über ihr erhebt, missbraucht. Dagegen kann man leider nichts tun. Man kann alles Wichtige missbrauchen. Wenn Religion zu bloßer Ideologie verkommt, wenn es eine Kirche zulässt, ideologisch missbraucht zu werden, dann ist das extrem gefährlich. Religion kann aber auch sehr fruchtbar sein. Religion ist ein System von Verfahren, Symbolen und Ritualen, mittels derer eine Gemeinschaft ihre Vorstellungen von Transzendenz erlebt und artikuliert. Religion umfasst das ganze Wesen eines Menschen.

 

Und die Hysterie gegen den Islam?

Karahasan – Es ist schlimm, dass seit Beginn des unglückseligen 21. Jahrhunderts im Westen Ängste produziert werden. Eine dieser Ängste ist jene vor dem Islam. Die Leute, die den Islam verteufeln, haben von dieser Religion und Kultur üblicherweise keine Ahnung, ihnen geht es bloß darum, die Gesellschaft zu spalten. Braven Bürgern wird eine Minderheit angeboten, die sie ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst vor Konsequenzen misshandeln, beschimpfen und verachten dürfen. Jetzt sind die Muslime und die Raucher an der Reihe, wenn wir die erledigt haben, kommen die Dicken und Rothaarigen an die Reihe. Menschen, die sich in meiner Lage befinden, haben die Wahl, das entweder zu ignorieren oder sich möglichst wenig damit zu beschäftigen und ein einigermaßen normales Leben zu leben. Das Böse kann man nicht besiegen.

 

Auch nicht mit Literatur?

Karahasan – Man kann stattdessen über die wunderbare Komplexität des Lebens schreiben und sprechen. Dazu gehört auch Religion. In Bosnien waren Religion, Kunst und Kultur sehr eng verbunden. Vergessen Sie nicht, einer der größten Dichter aller Zeiten, Maulana Rumi, war ein tiefreligiöser Mensch. Religion auf „Opium für das Volk“ zu reduzieren, wie es Genosse Marx tat, ist Unsinn.

 

Wann war Ihnen klar, dass Sie Schriftsteller werden?

Karahasan – In der dritten oder vierten Klasse Volkschule. Ich habe gemerkt, dass ich mich geistig viel mehr in der Sprache als in der Welt der materiellen Gegenstände aufhalte. Ich reagierte auf alles mit einer Geschichte, die ich niederschrieb. Ich war schon immer Erzähler.

 

Der auch sehr viel Theater machte.

Karahasan – Oh ja, und zwar mit viel Freude. Theater und Literatur ergänzen einander großartig. Literatur ist eine Sache der Einsamkeit – asoziale Typen wie ich widmen sich der Literatur, weil man in dieser Welt schweigen und andere reden lassen kann. Wenn die Freude an Einsamkeit droht, zur Krankheit zu werden, gehe ich ins Theater, inszeniere oder schreibe ein Stück. Wenn ich dann einige Monate unter vielen Menschen lebe, komme ich zum Schluss, dass Einsamkeit ein guter Zustand ist. (lacht)

 

Aus Sarajevo wegzugehen, wie Sie es im „Tagebuch der Übersiedlung“ beschreiben, war das die größte Niederlage Ihres Lebens?

Karahasan – Nein. Ich habe nicht einmal den Entschluss gefasst, Sarajevo zu verlassen. Seit ich in Sarajevo lebe, seit dem ersten Tag, will ich weg und weiß gleichzeitig, dass ich nicht weggehen kann. Sarajevo ist mein Schicksalsort. Im Oktober 1992 war ich der einzige Professor an der Akademie, und mir war klar, dass die Universität trotz Belagerung weiter funktionieren muss, eine ganze Reihe von Fächern konnte aber nicht unterrichtet werden. Ich musste mich entweder an meiner Stadt oder an meinem Beruf versündigen. Eine unerträgliche Situation. Dann kam eine Einladung zum Literaturfestival in Rauris. Ich dachte, ich wäre in zwei Wochen wieder zurück, was dann aber nicht mehr möglich war. Das Leben ging einfach weiter. Es war keine Niederlage – allerdings ein Verlust! Außerdem bewerte ich Niederlagen gar nicht negativ. Tragödien enden immer mit einer Niederlage, aber sie bringen Erkenntnis. Deshalb gilt die Tragödie auch als edelste literarische Form.

 

Es  war ein tiefer Einschnitt in Ihrem Leben …

Karahasan – Es ist ein tiefer Einschnitt in der Geschichte der Stadt und des ganzen Landes – unglaublich viel ist verloren gegangen, aber nicht alles. Viele Menschen haben ihr Land durch die Zerstörung erst entdeckt. Im Sommer 1992 wurde in der jüdischen Gemeinde von Sarajevo darüber diskutiert, ob man weggehen oder bleiben sollte. Es stand gerade eine Feier an, in der an die Ankunft der sephardischen Juden in Sarajevo erinnert werden sollte, die fünfhundert Jahre früher aus Spanien vertrieben worden waren. Die Mehrheit entschied sich dafür, die Gedenkfeier abzuhalten und danach wegzugehen. Mein Freund David Kamhi, der im vorigen Jahr leider verstorben ist, rief im Fernsehen dazu auf, zu bleiben, und schrie dann regelrecht: „Sarajevo ist das gelobte Land, oh Israel!“ Ich glaube, es gab kaum jemand, der damals so sehr geachtet wurde wie David Kamhi, alle erfuhren, wie sehr er an seiner Stadt hing. Leider ist sehr viel, nicht nur Materielles zerstört worden. Und wir haben, pathetisch gesprochen, unsere Unschuld verloren. Meine Frau ist Serbin, ich bin Bosniake, unser Trauzeuge war Kroate, ein Franziskaner. Als wir heirateten, war das für uns ganz normal. Ich habe keine Serbin, sondern eine Frau, die ich liebe, geheiratet. Mein Trauzeuge war kein Kroate, sondern mein bester Freund. All das wurde durch den Krieg und während der Belagerung ideologisiert. Darin besteht der Verlust! Dass ein Imam und ein Pope oder ein katholischer Priester miteinander Freundschaft schließen, war vor dem Krieg ebenso normal, wie es normal ist, zwei Nieren zu haben. Heute werden solche Dinge gleich als Beweis dafür angesehen, dass es das alte Sarajevo noch immer gibt, dass man in Sarajevo zusammenleben kann …

 

Gab es je einen Zeitpunkt, an dem Sie Sarajevo vergessen haben?

Karahasan – Nein!

 

Nicht einmal als Sie Ihren großen Roman „Der Trost des Nachthimmels“ schrieben, in dem es um das Reich der Seldschuken geht?

Karahasan – Dieses Buch ist der Versuch, mir Sarajevos verbrannte Bibliothek, die Vijećnica, wieder anzueignen. Es gab einen sehr spannenden Zeitpunkt, um das Jahr 2000, als ich endgültig nach Sarajevo zurückkehren wollte. Meine Frau sagte zu mir: „Dževad, tu das bitte nicht. Ich würde es nicht aushalten.“ In der Fremde ein Fremder zu sein, das geht noch, aber in seiner eigenen Stadt als Fremder dazustehen, das wäre die Hölle. Inzwischen leben wir ein halbes Jahr in Graz, ein halbes Jahr in Sarajevo, und sie hat dort mehr Bekannte und Freunde als ich. Wenn ich nach Sarajevo kam, verbrachte ich die ganze Zeit mit meinen Studenten, wenn ich bei meinen Freunden sein will, gehe ich auf den Friedhof.

 

Ihr Opus magnum spielt im 11. Jahrhundert – ein Versuch, die Welt des Islam von ihren Anfängen her aufzurollen?

Karahasan – Die Hauptfigur, der Dichter Omar Chayyam, ist eine meiner Krankheiten. Ich habe ihn vor vielen Jahren in der verbrannten Bibliothek entdeckt und war sprachlos. So viel Tiefe an Verzweiflung mit so viel Humor zum Ausdruck zu bringen ist absolut einmalig. Erst als meine eigene Verzweiflung, etwas von meiner verbrannten Welt zurückzubringen, sehr groß war, konnte ich das Buch schreiben. Es war ein Gespräch mit einem Großen, das mehr Fragen als Antworten enthält. Wenn Sie genau lesen, bemerken sie, dass in diesem Buch alle Figuren Antworten, aber keine Fragen haben. Niemand zweifelt an etwas, alle sind sich ihrer Sache absolut sicher. Damals begannen die Kreuzzüge, der erste Versuch, den Islam zu einem System zu gestalten, wurde unternommen, im Namen des Islam wurden auch etliche Menschen umgebracht. Überall entstanden Fundamentalismen. Kurz nach Chayyams Ableben wuchs im Iran eine Legende: Wenn der erste von drei Schulfreunden zu Macht und Wohlstand kommt, würde er den beiden anderen helfen. Als Nizam al-Mulk als Erster zu Macht und Reichtum gelangte, lud er Chayyam ein und fragte, was er für ihn tun könne. Ein Stipendium und ein Observatorium. Der dritte, Hassan-i Sabbah, wünschte sich die uneinnehmbare Festung Alamut und gründete dort seine Assassinen, deren erstes Opfer Nizam al-Mulk wurde. Es handelt sich um drei typische Verhältnisse zur Macht: Nizam al-Mulk war ein moderner, demokratischer Politiker, sein Seldschuken-Reich gilt als erster Sozialstaat, es gab keinen Hunger, das Gesundheitswesen funktioniere, die Schule war kostenlos. Seine Devise war: Folgt mir, ich nehme eure Bedürfnisse und Probleme ernst. Hassan-i Sabbah war das genaue Gegenteil: Folgt mir, ich bin etwas Besonderes. Ich verspreche euch Blut und Tränen, und durch diese kommen wir ins Paradies, das wir aber möglicherweise nicht erleben werden. Schauen Sie, wie viele Charismatiker es heute gibt! Der Dritte, Chayyam, pflegte ein philosophisches Verhältnis zur Welt, er wusste sich der Macht des Logos, den Naturgesetzen verpflichtet, physische Macht interessierte ihn nicht. Ich glaube, diese Kons­tellation macht das Buch so extrem aktuell, und viele Leser verstanden es auch als ein zeitgenössisches Buch. Mein Verlag behauptet übrigens, dass ich siebzehn Jahre daran gearbeitet hätte, tatsächlich waren es sehr viel mehr. Ich sitze ­daran seit meinem zwanzigsten Lebensjahr.

 

Was kann Literatur erreichen?

Karahasan – Einiges extrem Wichtiges: Unser ethisches Gefühl wiederbeleben, uns da­rauf aufmerksam machen, dass ein Feind immer noch ein Mensch ist, auch wenn er Feind bleibt. Sie kann uns lehren, dass es schwachsinnig ist, als Christ gegen Muslime aufzutreten. In der Zeit, in der „Der Trost des Nachthimmels“ spielt, war in der katholischen Welt einer der einflussreichsten Prediger Bernhard von Clairvaux. Er meinte, ein Christ suche seinen Ruhm im Tod eines Heiden. Ich bin sicher, dass kein Feind des Christentums diese großartige Religion je so sehr beleidigt hat wie diese Aussage. Jesus war ein Prophet des Lebens und nicht des Todes, er hat sogar behauptet, es gebe gar keinen Tod! Am Anfang der europäischen Literatur steht die „Ilias“. Der Autor verschweigt seine Zugehörigkeit nicht. Er ist Achäer, einer von jenen, die Troja angreifen, der sympathischste Heros des Epos aber ist der Trojaner Hektor. Achill wird Hektor besiegen, zu einem wahren Helden und zu einem Menschen wird er erst durch die Scham, die er später empfindet. Auf solches hinzuweisen, kann Literatur – etwa um zu begreifen, dass die Welt viel zu komplex ist, um durch klare Trennlinien einzelne Formen des Lebens abzusondern. Solange wir leben, sind wir mit allem verbunden. Es gibt keine reine Kultur, die nur unsere wäre. Ich bin ein Muslim, aber tief von Katholizismus und Orthodoxie geprägt, ich bin ein Bosnier, aber die russische und deutsche Literatur haben mich vielleicht mehr geprägt als die bosnische.

 

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