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Anzeiger 6/2020 – Aus der Krise in die Zukunft

Coronakrise und die Branche: Wie sich die Branche eingerichtet hat, über Auswirkungen auf das Herbstprogramm und innovative Festivals, die Neues wagen.

Text: Teresa Preis

Das Geschäftsleben geht weiter – zwischen solidarischen Buchbestellungen, fehlenden Wochen für Neuerscheinungen und innovativen Ideen für Veranstaltungen. Am Ende wird klar: Geschichten­ müssen erlebt werden.

DAS FRÜHJAHRSPROGRAMM UND DIE FOLGEN
Fragt man Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger, wie es dem Verlag nach den letzten Monaten geht, sagt er: „Wie es bei Tucholsky heißt: Gegen Kopfschmerzen gibt es ein wirkliches Universalmittel, nämlich starke Zahnschmerzen.“ Die Auswirkungen der Krise auf das Frühjahrsprogramm waren hart, und doch: „Wir hatten das Glück, mit André Hellers Erzählungen und dem Debüt von Dominik Barta gleich zu Jahresanfang präsent zu sein, ehe das Geschäft Mitte März fast ganz zum Erliegen kam“, so Ohrlinger. Veröffentlichungen, die für April geplant waren, wurden auf Ende Mai verschoben. „Davor war noch nicht abzusehen, ob überhaupt und in welchem Ausmaß das Sortiment in der Lage sein wird, die Bücher anzubieten“, betont der Verlagsleiter. „Jetzt zeigt sich, dass es ein großes Bedürfnis nach guten Büchern gibt. Grosso modo bin ich vorsichtig optimistisch. Vorausgesetzt, es kommt zu keiner sogenannten zweiten Welle.“ In unruhigen Zeiten ist die Unterstützung von Branchenvertretungen dabei für ihn besonders wichtig: „Der HVB und seine Repräsentanten haben klug, rasch und umsichtig die richtigen Schritte unternommen und ohne unnötigen Lärm zu unser aller Nutzen agiert. Chapeau! Das sollte nicht unter den Tisch fallen.“

Auch wenn Kinderbuchumsätze im österreichischen Buchhandel der vergangenen beiden Monate noch am stabilsten waren, gibt es laut Jungbrunnen-Verlegerin Hildegard­ Gärtner bei den Verlagen finanzielle Verluste: „Natürlich sind unsere Umsätze zurückgegangen, und es muss sich zeigen, welche finanziellen Einbußen wir in den kommenden Monaten, etwa bei Lizenzen, noch haben werden.“ Dabei startete das Jahr gut: „Im Jänner und Februar lagen unsere Umsätze in Österreich deutlich über denen des Vorjahres, seit März sind sie im Vergleichszeitraum um 36  Prozent niedriger.“ Die Rückgänge bei Nebenrechten, wie Aufführungen und Übersetzungsrechten, würden sich erst nach der Abrechnung der jeweiligen Vertragspartner im Jahr 2021 zeigen. „Die Krise wird uns in diesem Bereich zeitversetzt treffen“, ist Gärtner überzeugt.

AUSWIRKUNGEN AUF HERBSTTITEL
Um den Stillstand im März und April bei Neuerscheinungen aufzuholen, wurde das Herbstprogramm bei Zsolnay um ein Viertel reduziert. „Die erste Herbstauslieferung, die bei uns normalerweise Ende Juli kommt, lassen wir diesmal aus, um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser so lange wie möglich auf die Frühjahrsbücher zu lenken. Uns fehlen einfach sechs bis acht Wochen“, so Ohrlinger.

Katarzyna Lutecka, Verlagsleiterin von Amalthea, entschloss sich hingegen, jetzt erst recht an den Plänen für den Herbst festzuhalten: „Von Anfang an war es für uns klar, dass wir unser geplantes Herbstprogramm möglichst unverändert realisieren möchten.“ Zwölf Sachbuchtitel mit bewährten Namen wie Georg Markus, Lisbeth Bischoff oder Piotr­ Beczała werden erscheinen, dazu gibt es – neu für den Verlag – diesmal auch Literatur, mit einem neuem Buch von Radek Knapp. „Darüber hinaus haben wir in den letzten Wochen intensiv an einer Kampagne gearbeitet“, so Lutecka: „Einerseits möchten wir unsere wichtigsten Partner, die Buchhändlerinnen und Buchhändler, im Verkauf unterstützen, andererseits wollen wir damit den Leserinnen und Lesern Danke sagen. Denn ohne sie gibt es keine Bücher, keine Buchhandlungen und auch keine Verlage.“

Auch bei Jungbrunnen wurde der Umfang der geplanten Herbsttitel nicht verändert: „Wir liefern unser Herbstprogramm einen Monat später aus, haben aber keine Titel gestrichen, weil wir ohnehin ein sehr kleines Programm haben“, erklärt die Verlegerin Hildegard Gärtner.

SOLIDARITÄTSEINKÄUFE UND DIE PERSÖNLICHE NOTE
Die Wochen des Lockdowns trafen auch den Buchhandel. „So eine erzwungene Schließung steckt man natürlich nicht ohne Schrammen weg. Aber: Es hätte uns schlimmer treffen können“, so Kurt Lhotzky über die Situation in Lhotzkys Literaturbuffet. „Nach dem 15. Mai haben wir bemerkt, wie wichtig wir für unsere Kundinnen und Kunden als literarischer Nahversorger sind.“ Sobald es möglich war, kamen diese auch wieder ins Geschäft, den Einschränkungen­ zum Trotz. „Sie haben sich – das muss unterstrichen werden – wirklich verständnisvoll und diszipliniert an die Sicherheitsmaßnahmen gehalten“, betont Lhotzky. Wie in vielen anderen Buchhandlungen wurde in kürzester Zeit übergangsmäßig ein Versandhandel aufgezogen. Als Dank für die Solidarität wurden Zustellungen im Bezirk wie auch der Postversand vo­rübergehend gratis angeboten.

Beatrice Baumann, Inhaberin der Buchhandlung büchersegler, wurde von der Menge an Onlinebestellungen überrascht. Eine persönliche Note zu setzen war ihr dabei wichtig: „Wir haben unseren Päckchen den FALTER Bücherfrühling beigelegt. Das fand großen Anklang.“ Seit Kurzem kooperiert die Buchhandlung mit der Grazer Straßenzeitung megaphon. „Unser Team rezensiert darin jeden Monat ein Buch und gibt Lesetipps. In unseren aktuellen Paketen liegt eine Ausgabe des megaphon bei, das während des Lockdowns nicht auf der Straße verkauft werden durfte.“ Das Onlinegeschäft im März und April konnte die fehlenden Ladenumsätze mehr als kompensieren. Noch immer treffen viele Bestellungen beim büchersegler ein, die meisten holen ihre Bücher aber mittlerweile wieder direkt aus der Buchhandlung ab. „Die Krise hat bei vielen Menschen eine Solidarität und ein Nachdenken über ihr Konsumverhalten bewirkt. Ich wünsche mir, dass das anhält“, betont Baumann.

Die Ausgangslage bei Thalia war natürlich eine andere: Der Onlineshop samt Logistik war bereits vor der Krise etabliert. „Die Onlineumsätze sind deutlich nach oben gegangen, konnten die stationären Rückgänge aber nicht kompensieren“, so Thomas­ Zehetner, Geschäftsführer von Thalia Österreich. Die Buchhandelskette war auf die Wiedereröffnungen nach dem Lockdown vorbereitet. Dennoch: „Man merkt, dass der stationäre Einzelhandel stark von der Coronakrise erfasst wurde. Das wirkt sich auch auf den Buchhandel aus, weil insgesamt weniger Menschen zum Einkaufen unterwegs sind“, so Zehetner. Unterschiede gebe es auch bei den Umsätzen einzelner Filialen. „Manche Buchhandlungen bleiben unter den Vergleichswerten, manche kommen darüber. Der Onlineverkauf entwickelt sich auf jeden Fall weiterhin gut.“ Gerade E-Books und Hörbuch-Downloads seien aktuell sehr gefragt.

HERAUSFORDERUNGEN UND INNOVATIVE KONZEPTE
Was sich jetzt schon zeigt: Es gibt kein allgemeingültiges Erfolgsrezept für den Herbst oder den Umgang mit Veranstaltungen während eines Lockdowns. Einige Events wurden auf 2021 verschoben oder fallen aus. Andere haben bereits stattgefunden oder werden noch geplant. „Das Thema ‚Mehr Wildnis!‘ wurde schon vor dem COVID-19-Lockdown festgelegt“, sagt Walter Grond, künstlerischer Leiter der Europäischen Literaturtage. „Das inhaltliche Konzept berücksichtigt die Erfahrungen mit dem Lockdown und erweitert es um Fragen der Zukunft, die sich aktuell da­raus ergeben.“ Das Festival versteht Grond als wegweisenden Thinktank für europä­ische Themen, Austausch, Begegnung vor Ort sowie mediengerechte Veranstaltungsformate. Die noch unklaren Vorgaben für Veranstaltungen im Herbst erfordern eine besondere Flexibilität bei der Planung. „Wir arbeiten parallel an mehreren Versionen der Umsetzung, um garantieren zu können, dass die Europäischen Literaturtage im Kern vollständig stattfinden können. Fix ist nur das Datum – 19.–22. November 2020 in Krems an der Donau“, so Grond. „Die Ausnahmesituation zeigt, wie gut mediale Vermittlungen funktionieren können, und gleichzeitig, wie sehr Literatur reale Orte des Austauschs braucht.“ Die Online­welt erweitere zwar die Möglichkeiten von Kommunikation, so Grond, könne aber reale Begegnungen nicht ersetzen.

Anders agierten die Solothurner Literaturtage in der Schweiz. Ende März wurden sie in ihrer gewohnten Form abgesagt. Stattdessen beschlossen Geschäftsführerin Reina Gehrig und ihr Team, das Literaturfestival nur acht Wochen später, mitten im Lockdown, abzuhalten. Dafür entwickelten sie kurzerhand ein spezielles Onlinekonzept. Ausschlag­gebend war „das große Anliegen, den eingeladenen Autorinnen und Autoren sowie Übersetzerinnen und Übersetzern eine Plattform bieten zu können, auf der ihre Werke trotz Lockdown eine Öffentlichkeit erreichen.“ Auch andere Beteiligte, etwa Technikerinnen und Techniker oder Fotografinnen und Fotografen, sollten ein Honorar bekommen. „Nicht zuletzt war es ein wichtiges Zeichen an unser Publikum und in die Branche: Wir sind weiterhin da und geben nicht auf!“, so Gehrig über ihre Motivation. Das Programm bestand aus dauerhaft abrufbaren Beiträgen und eigenen, teils interaktiven Liveformaten: „Für uns war es selbstverständlich, dass wir das Schaufenster der Schweizer Literatur bleiben. Gleichzeitig wollten wir den Festivalcharakter beibehalten und konzentriert an zwei Tagen von früh bis spät ein abwechslungsreiches Programm in verschiedenen virtuellen Räumen anbieten.“ Für den Live-Teil wurden jene Programmpunkte gewählt, die auch visuell spannend sind und Spaß machen sollen.

GELERNTES UND DER BLICK NACH VORNE
Und was nimmt die Branche mit in die Zukunft? Für Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger zeigte sich in den vergangenen Monaten ein besonderer Zusammenhalt. „Ich bin sehr stolz, mit so tollen Kolleginnen und Autoren zusammenzuarbeiten, die trotz der außergewöhnlichen Situation das Funktionieren des Verlags garantierten.“ Positiv überrascht wurde er auch von seiner Zunft. „Ich habe bemerkt, welche Kraft und Fantasie unsere ganze Branche aufzubringen vermag, wenn es darauf ankommt.“
Bei Jungbrunnen wurde laut Hildegard Gärtner zur Aufarbeitung der letzten Monate ein Klausurtag abgehalten. Dabei wurde erkundet, was in der Krise gut gelaufen sei und wo noch Änderungsbedarf besteht. So wolle man sich etwa die Optimierung der Voraussetzungen für Homeoffice-Lösungen oder neue (digitale) Maßnahmen in den Bereichen Marketing und Öffentlichkeitsarbeit vornehmen.

Wenn Katarzyna Lutecka von Amalthea in den vergangenen Monaten etwas gelernt hat, dann war es das: Nicht aufzugeben. „Man sollte alle Kräfte bündeln, seine Stärken stärken, Ideen entwickeln und die Situation als Chance sehen.“ Auch die Verlagsförderung in Österreich ist für sie ein zentrales Thema in der Krise: „Gerade in Zeiten wie diesen sieht man, wie wichtig die Verlagsförderung ist. Ich würde mir wünschen, dass die Kriterien ausgeweitet oder neu definiert werden. Nach derzeitigem Stand werden bevorzugt Verlage gefördert, die ein belletristisches Programm haben. Es bräuchte eine transparentere Entscheidungsfindung sowie eine gerechtere Verteilung der öffentlichen Gelder“, so die Verlagsleiterin.

Auch Kurt Lhotzky nimmt einige Erkenntnisse aus den letzten Monaten mit: „Man darf sich nicht lähmen lassen, sondern muss aktiv auf eine Herausforderung reagieren.“ Die Krise habe immerhin gezeigt, ob man es geschafft habe, über die Jahre einen treuen Stammkundenstock aufzubauen. Dahingehend ist der Buchhändler zufrieden.
Die Onlinebestellungen sind bei Thalia immer noch höher als vor dem Lockdown. Laut Thomas Zehetner hat zwar durch die Krise eine Verschiebung von stationär zu online stattgefunden. Doch er ist überzeugt: „Kundennähe ist enorm wichtig und kann durch nichts hundertprozentig ersetzt werden.“

Beatrice Baumann wünscht sich, dass die Solidarität für den regionalen stationären Handel auch nach der Krise anhält. „Dass wir uns fragen, wo kann ich lokal einkaufen – auch online, um damit die Wirtschaft und Arbeitsplätze meines Umfelds zu unterstützen“, so die büchersegler-Inhaberin. Denn das trägt Früchte. Die Unterstützung der vergangenen Monate ermöglicht es Baumann, ab Herbst einen Lehrling einzustellen.

Auch in der Schweiz ist man zufrieden. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es einzelne Veranstaltungsformate gibt, die auch in Zukunft online stattfinden werden. Kooperationen mit Onlinezeitschriften, die bereits eine Leserschaft in Netz haben, fände ich da zum Beispiel interessant“, so Reina Gehrig von den Solothurner Literaturtagen. „Lesungen und insbesondere Festivals aber leben von den Begegnungen vor Ort und dem Zusammensein von Schreibenden und Publikum. Das analoge Erleben ist nicht ersetzbar. Auch das hat uns die Onlineausgabe der 42. Solothurner Literaturtage gezeigt.“

Zur Zukunft von Literaturveranstaltungen gefragt, sieht der künstlerische Leiter der Europäischen Literaturtage, Walter Grond, gute Chancen: „Was sich längst abzeichnet, ist die Notwendigkeit, kluge Mischformen zu finden. Da tut sich ein großes Feld auf, Innovation ist gefragt.“ Neue Ideen sollte man aus seiner Sicht jedoch nicht den riesigen Konzernen überlassen. „Die großen Medienkonsortien wie Google haben die finanziellen Möglichkeiten, um das intensiv zu beforschen. Es ist daher zu befürchten, dass sie noch mächtiger werden. Die Frage ist also, wie Innovationen im öffentlich geförderten Literaturbetrieb aussehen können.“ Es gibt also viel zu tun für die Zukunft.

Illustration: Georg Feierfeil
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