anzeiger 5/2023 – Der Charme des analogen Lebens

Ihn kann von allen Vertriebsformen der stationäre Buchhandel wohl am besten vermitteln.
Den Besten unter den Buchhändler:innen winkt dafür jährlich der Österreichische Buchhandlungspreis. Hier sind die aktuellen Gewinner:innen.

Text: Andrea Vanek

Die fünf! Sie sind gut, sie sind vorbildlich, sie sind ausgezeichnet – mit dem Österreichischen Buchhandlungspreis vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) sowie dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels (HVB).

Über die jeweils 10.000 Euro Prämie dürfen sich die Gewinner:innen freuen: Gudrun Suchanek von Buch & Boot (Altaussee, Steiermark), Johannes Mlečnik von der Buchhandlung Haček (Klagenfurt, Kärnten), Barbara Sohm von der Buchhandlung Rapunzel (Dornbirn, Vorarlberg), Stephan Lauf von der gleichnamigen Buchhandlung (Braunau, Oberösterreich) und Sabine Poglitsch von Orlando (Wien Alsergrund).

Mit dem Filialpreis wurde die Rupertus Buchhandlung von Klaus Seufer-Wasserthal
der Verlagsanstalt Tyrolia (Salzburg) gewürdigt.

Die Gewinner:innen verbindet auch, dass sie aus ihrem Beruf weitaus mehr gemacht haben, als Bücher zu verkaufen. Dabei unterscheiden sich ihre Beweggründe, einen Buchladen zu führen, sehr voneinander. Den einen wurde der Beruf praktisch in die Wiege gelegt. Andere wollten aus ihrer Leidenschaft
für Bücher einen Beruf machen.


Gudrun Suchanek, Buch & Boot, Altaussee in der Steiermark
Ihre große Leidenschaft für Bücher motiviert Gudrun Suchanek. Die Unternehmerin sieht in der Auszeichnung eine Bestätigung für ihren unermüdlichen Einsatz rund ums Buch. Die Zufriedenheit ihrer Kund:innen liegt ihr dabei am meisten am Herzen. Daher wird das Preisgeld in die laufende Weiterentwicklung ihres Ladens fließen. Auf seine „einladende“ Wirkung legt sie ganz besonders Wert. Mit Stolz erfüllt sie „die individuelle Gestaltung und Präsentation der Bücher, die heimelige Atmosphäre, die Möglichkeit, besondere Persönlichkeiten hier zu treffen, und die persönliche, kompetente Beratung“. Sie möchte gewährleisten, dass Buch & Boot von ihren Kund:innen als Ort zum Wohlfühlen und Ort der Begegnung wahrgenommen wird.

Als derzeit größte Herausforderung nennt sie die Konkurrenz durch das überproportionale Onlineangebot und „mithalten zu können mit den großen, unpersönlichen Versandanbietern“. Gerade deshalb sieht sie im persönlichen Service und in der Qualität der Beratung die wichtigsten Aufgaben einer unabhängigen stationären Buchhandlung. Eine vergleichbare Professionalität könne auch der größte Onlineshop nicht bieten. Umso mehr hofft sie auf die Treue ihrer Kund:innen.

Johannes Mlečnik, Buchhandlung Haček, Klagenfurt in Kärnten
Johannes Mlečnik kam über einen Gang durch die Stadt zum Buchhandel. Seine Zeugnisnoten als Siebtklässler hatten seinen Aufstieg in die Maturaklasse unterbunden. So dachte er zunächst daran, eine Lehre bei einem Fotografen in Klagenfurt zu beginnen, wurde dort jedoch abgewiesen. „Danach marschierte ich gedankenversunken durch die Stadt von Ingeborg Bachmann und kam an der zweisprachigen Buchhandlung vorbei. Im Schaufenster hing ein Plakat: Suchen Buchhändlerlehrling, zweisprachig, vorzugsweise mit eigenem Auto, Führerschein und Matura. Drei von den gewünschten Kriterien konnte ich auf Anhieb erfüllen, das Fehlen der Matura wurde mir großzügig nachgesehen. So begann meine berufliche Laufbahn als Buchhändler.“

Über die Verwendung des Preisgeldes hat er sich auch schon Gedanken gemacht. Es wird der Verstärkung der Aktivitäten im Kinder- und Jugendbereich zugutekommen. „Wir möchten in Zusammenarbeit mit Schulen ein Programm realisieren, in dem Kinder angeregt werden, selbst bildnerisch und literarisch kreativ zu werden – wobei die Werke im Anschluss in Buch- oder Magazinform präsentiert werden.“

Mehrsprachigkeit ist das besondere Merkmal der Buchhandlung Haček. Sie fungiert auch als Kooperationspartner des Slowenischen Kulturvereins. „In unserem Unternehmen ist es selbstverständlich, dass die Mitabeiter:innen zwei- bzw. auch dreisprachig sind. Für uns hat Multilingualität große Bedeutung, weil wir damit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu einem Besuch in unsere Buchhandlung bewegen können.“

Als die größte Herausforderung sieht Johannes Mlečnik die Vermittlung sowie den Vertrieb von Kultur und Literatur über neue digitale Formate. Er ist davon überzeugt, dass auch der stationäre Buchhandel sich damit intensiv auseinandersetzen und passende Formate in sein Portfolio übernehmen muss.

Barbara Sohm, Buchhandlung Rapunzel, Dornbirn in Vorarlberg
Barbara Sohm hat auf Umwegen zu ihrem Traumjob gefunden. „Schon als Kind habe ich alles Lesbare verschlungen und neben der Schule in unserer Buchhandlung in Dornbirn ausgeholfen. Dann kam die Familiengründung, danach war ich viele Jahre in anderen Berufen tätig. Doch die Bücher haben mich immer begleitet, ehrenamtlich war ich bei uns im Bezirk in der Bibliothek tätig. Dann hat sich vor etwa vier Jahren die Möglichkeit ergeben, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Damit habe ich meinen Traum wahr gemacht.“

Der Beginn war mühsam. Umso mehr freut sie sich nun über die Anerkennung ihrer Bemühungen. Fünf Monate nach der Eröffnung des Geschäfts machte ihr die Pandemie einen fetten Strich durch die Rechnung. Im Jahr darauf sah sie sich gezwungen, nach einem neuen Standort zu suchen. Nun kann sie ihr Preisgeld investierten. „Ich habe erst einmal ganz viele Bücher bestellt. Dann gibt es eine Party, und wir kaufen eine eigene Soundanlage. Außerdem wird unsere Website ausgebaut.“

Begegnung auf Augenhöhe ist für Barbara Sohm die Quintessenz einer guten Buchhandlung. „Der Funke soll auf die Kund:innen überspringen, und das geht meines Erachtens am besten, wenn die Buchhändlerin authentisch ist und Bücher verkauft, die sie selbst gern liest.“ Doch um den Fortbestand von Buchhandlungen wie Rapunzel dauerhaft zu gewährleisten, müssten von der Politik konkrete Handlungen gesetzt werden, etwa eine Senkung der Umsatzsteuer und Maßnahmen gegen eine zunehmende Monopolisierung. „Wir lieben, was wir tun“, sagt sie. „Und wünschen uns, dass wir das noch lange tun können.“


Stephan Lauf, Buchhandlung Lauf, Braunau in Oberösterreich
Stephan Lauf setzt eine Tradition fort: „Als Sohn einer Buchhändlerfamilie bin ich praktisch im Geschäft aufgewachsen, und hab’ es schließlich von meinem Vater übernommen. Literatur und Sprache haben mich schon immer fasziniert, und so war der Weg nicht ganz unlogisch.“

Er versteht die Auszeichnung durch Ministerium und HVB vor allem als Wertschätzung seines Teams. Seine Angestellten sind für ihn die Erfolgsgarantie seines Geschäfts. Zur Beliebtheit seiner Buchhandlung tragen auch ihre individualisierten Buchbesprechungen bei. „Was wir tatsächlich anders machen, sind unsere Texte. Bei uns wird kein Klappentext kopiert und versendet, alle Besprechungen werden von uns selbst geschrieben. Wenn uns was einfällt, darf ’s auch gern nicht ganz so ernst sein.“

Wie spricht er jüngere Generationen an? „Ein guter Webshop ist da unverzichtbar – und natürlich unabdingbar, in Social Media präsent zu sein. Das Wichtigste ist für mich allerdings die Qualität der Information. Die Qualität der Fotos etwa, des Textes und natürlich die Aktualität der Inhalte.“

Als Belastung empfindet er die allgemein gestiegenen Ausgaben. Fixkosten wie Energie, Transport und Personal seien mit den Buchhandelspreisen und -margen nur schwer zu decken. „Wie jeder Buchhändler und jede Buchhändlerin würde ich mir wünschen, dass die Politik die Besonderheit der Branche stärker wahrnimmt und sie dementsprechend unterstützt. Schließlich spielt unsere Arbeit eine wichtige Rolle bei der Förderung der Entwicklung gerade junger Menschen. Lesen macht einfach klüger, weitsichtiger und toleranter. Das kann nicht nur Jung, sondern auch Alt gut gebrauchen.“


Sabine Poglitsch, Buchhandlung Orlando, Wien Alsergrund
Sabine Poglitsch ist sich sicher, dass eine gewisse Unerschrockenheit das Erfolgskonzept ihrer Buchhandlung darstellt. Ihren Angestellten kommt dabei eine große Rolle zu: „Mir war von Beginn an wichtig, ein vielseitig interessiertes und generationenübergreifendes Team einzustellen. Ich betrachte das Wissen und die Ideen meiner Mitarbeiter:innen als etwas Wertvolles und denke, ihre Diversität und Orlandos Teamgeist sind etwas Besonders. Mit dem Verein ,Literatur im Keller‘ schaffen wir außerdem eine Plattform für junge Autor:innen, Musiker:innen und Künstler:innen. Wir erweitern laufend unser Sortiment, in letzter Zeit beispielsweise vermehrt durch englischsprachige und feministische Literatur. Auch im Bereich Kinderbuch gehen wir einen zeitgemäßen Weg und bieten Titel zu kontroversiellen Themen an. Als Unternehmerin muss ich natürlich betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten im Auge behalten, aber es ist mir wichtig, mit Orlando auch wagemutig zu sein und ein spannendes, außergewöhnliches Sortiment anzubieten. Auf die richtige Balance kommt es an!“

Durch die Zusammenarbeit mit Verlagen, Schulen und Weiterbildungseinrichtungen, mit Büchertischen in Wiener Kulturinstitutionen sowie mit guten Kontakten zu anderen Geschäften im Grätzl gelingt es Sabine Poglitsch, im Gespräch zu bleiben. Dabei empfindet sie „die fortschreitende Monopolisierung des Marktes und damit einhergehende Einschränkung der Vielfalt“ als hinderlich für die Entwicklung des stationären Buchhandels.

Wünschenswert wäre für sie das Weiterbestehen der Buchpreisbindung, um Dumpingpreise zu verhindern. Grundsätzlich aber ist sie optimistisch. „Wir brauchen eine gute Portion Risikobereitschaft und das Vertrauen in die Zukunft des Buches sowie in den Charme des analogen Lesens.“

Klaus Seufer-Wasserthal, Rupertus Buchhandlung der Verlagsanstalt Tyrolia in der Stadt Salzburg (Filialpreis)
Der Bücherfreund Klaus Seufer-Wasserthal hatte seine Leidenschaft mit dem Nützlichen verbunden, als er vor 31 Jahren eine Stelle in seiner Lieblingsbuchhandlung annahm. Heute leitet er sie und betrachtet seine Funktion als „Schnittstelle zwischen Autor:innen, Verlagen, Veranstalter:innen und vor allem Leser:innen.“

Zur Beschreibung der Rupertus Buchhandlung liest er eine Rezension aus dem Reiseführer ,Salzburg – Auf krummen Touren durch die Stadt‘ von Renate Just vor: „Eine Buchhandlung, die den Vergleich mit anderen im deutschsprachigen Raum nicht scheuen muss.“

Sein großes Anliegen ist die digitale Präsenz. „Das heißt für eine Buchhandlung, auf digitalen Kanälen vertreten zu sein und diese auch anzubieten – bis zu den neuesten Trends wie BookTok.“ Er möchte Bewusstsein dafür schaffen, dass ECommerce auch lokal und regional stattfinden kann. Natürlich stellt die Loyalität seiner Stammkund:innen auch für ihn die wichtigste Stütze dar. „Ich wünsche mir außerdem, dass wir noch stärker als bisher als Kulturvermittler wahrgenommen werden.“

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