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anzeiger 3/2022 – Freiheit, Gleichheit und Literatur

Wir berichten hier immer über Themen, die für die Buchbranche relevant sind – in Österreich. Doch was passiert jenseits unserer Landesgrenzen? Ab jetzt nehmen wir Sie regelmäßig auf eine Reise zu den Buchmärkten anderer Länder mit. Den Auftakt macht Frankreich: Dort gilt das Buch als das wichtigste Kulturgut.

Text: Linn Ritsch

„Gallimard dit stop“(Gallimard sagt stop) titelte die französische Tageszeitung La Tribune im April 2021. Diese etwas dramatisch formulierte Nachricht bezog sich nicht etwa auf eine Schließung von Gallimard, einem der größten Verlagshäuser Frankreichs, sondern auf die Schreibwut der französischen Bevölkerung. Laut einer Anfang Mai 2020 durchgeführten Onlineumfrage haben zehn Prozent der über 18-jährigen Französinnen und Franzosen während des Lockdowns begonnen ein Buch zu schreiben. Verlage im ganzen Land erklärten, sie seien mit der Masse der eingesandten Manuskripte überfordert. Bis Gallimard sich gezwungen sah, stopp zu sagen und die Menschen aufzufordern, weniger zu schreiben – und dafür mehr zu lesen.

Frankreich – eine Nation der Bibliophilen?

„Die Franzosen haben seit jeher die Angewohnheit zu schreiben. Aber seit der Ausgangssperre hat es einen Boom gegeben“, erklärt Karen Haguenauer, Leiterin des Verlagshauses Les Trois Colonnes. Ist Frankreich also eine Nation der Literat:innen, mehr noch als eine Nation der Lesenden? Eine Frage, die man nicht eindeutig beantworten kann. In den Augen der Bevölkerung hat Literatur einen hohen Stellenwert, und darauf ist Frankreich stolz. In diesem Land gilt das Buch als Kulturgut Nummer eins, der Buchsektor ist die größte Kulturindustrie. Jährlich wird mit Büchern mehr als doppelt so viel Geld umgesetzt als im Musik- oder Kinobereich.

Weltweiten liegt Frankreich im oberen Mittelfeld der Nationen der Viellesenden (unter den Ländern mit der meisten Lesezeit pro Person und Woche sind Indien, China, Thailand, Ägypten und Schweden.) Die Selbstwahrnehmung der Französinnen und Franzosen dürfte davon leicht abweichen: „Die Menschen in Frankreich haben ein romantisches Bild von sich selbst. Sie können großartig sein, oder furchtbar – aber in der Mitte, das geht nicht“, meint Christophe Danvers, Lektor für Romanistik an der Universität Wien. Was die Literatur und das Lesen betrifft, wird die eigene Nation ganz bestimmt nicht als furchtbar wahrgenommen.

Das ist sie auch nicht. Es gibt in Frankreich knapp 3.000 Verlagshäuser, jährlich werden 435 Millionen Bücher verkauft. Der UNESCO zufolge liegt Frankreich damit weltweit an neunter Stelle der Länder mit den meisten Publikationen pro Jahr. Auch im Ausland ist französische und frankophone Literatur bekannt und verkauft sich gut: Französisch ist die am zweithäufigsten übersetzte Sprache der Welt. Aus Frankreich werden pro Jahr über 1.5000 Titel ins Ausland verkauft.

 

Der stationäre Buchhandel macht das große Geschäft

In eine französische Buchhandlung zu gehen, sei ein grundsätzlich anderes Erlebnis als hierzulande Bücher zu kaufen, sagt Danvers, der bereits seit zwanzig Jahren in Wien lebt. „Wenn man in Österreich in eine kleine Buchhandlung kommt, eilt sofort jemand herbei und fragt ‚Kann ich Ihnen helfen?‘– Wie in einem Schuhgeschäft. In Frankreich geht man eher davon aus, dass sich Kund:innen in einem Buchladen selbst zurechtfinden, man lässt Besucher:innen zunächst alleine in den Regalen stöbern und Entdeckungen machen.“

Mit über 3.000 unabhängigen Geschäften hat Frankreich eines der dichtesten Buchhandlungsnetze der Welt. „Sie leben ausschließlich von ihren Verkäufen“, erklärt Danvers. „Der Staat vergibt keine Förderungen.“ Ein Großteil der Bücher wird im stationären Handel verkauft. Der Onlinehandel macht nur etwa 15 Prozent der Gesamtkäufe aus. Das gedruckte Buch hat nach wie vor einen hohen Stellenwert.

Den beansprucht auch die renommierte Buchmesse in der französischen Hauptstadt. Vierzig Jahre nach der ersten Pariser Buchmesse und nach zwei abgesagten Veranstaltungen 2020, wird sie in diesem Jahr wieder stattfinden – unter neuem Namen und in neuer Gestalt: der „Salon du Livre“, der in den letzten Jahren als „Livre Paris“ bekannt war, wird jetzt zum Pariser Buchfestival.

Das „Festival du livre de Paris“, das heuer zum ersten Mal allein vom Syndicat national de l’édition (SNE) organisiert wird, soll im Vergleich zur bisherigen Messe dynamischer und moderner werden. „Wir haben mit Designern und Szenographen das ganze Messegelände und die einzelnen Stände kreiert: Es sind also nicht mehr die Verlage selbst, die ihre Stände gestalten“, erklärt Pierre Dutilleul, der Generaldirektor des französischen Verlagsverbandes SNE. „Außerdem organisieren wir Orte der Begegnung für Diskussionen und Austausch zwischen den einzelnen Verlagshäusern und den Besucher:innen. Im Mittelpunkt soll das Interesse am Buch stehen, nicht nur der Verkauf.“

 

Das Lesen als „grande cause nationale“ der Grand Nation

Das findet auch Emanuel Macron. Letztes Jahr entschied sich der französische Staatspräsident dafür, das Lesen zur „grande cause nationale“, also zum großen Anliegen der Nation zu erklären. Seit Sommer 2021 und noch bis zum Sommer dieses Jahres gibt es überall in Frankreich Veranstaltungen, die Bücher und die Praxis des Lesens ins Zentrum der Aufmerksamkeit der französischen Bevölkerung rücken sollen.

Ein Grund dafür ist die mangelnde Lesekompetenz, die trotz aller positiven Buchverkaufszahlen auch in Frankreich spürbar ist. „Heute beherrschen zwanzig Prozent der Schüler:innen beim Verlassen der Grundschule die Grundkenntnisse des Lesens nur unzureichend. Dies ist die Quelle eines Großteils der Ungleichheiten in unserem Land,“ heißt es auf der Website des französischen Bildungsministeriums.
Gleichzeitig ist die aktuelle Wahl der „grande cause“ auch mit dem französischen Bewusstsein für die Relevanz des gedruckten Wortes zu erklären. „In Frankreich ist das Buch nicht nur das umsatzstärkste Kulturgut, sondern vielleicht auch das mit dem größten kulturellen Einfluss“, sagt Dutilleul vom SNE. „Das Wort steht am Beginn der Kunst, der Philosophie, natürlich der Literatur. Ich denke, dieses Bewusstsein ist ein wichtiger Grund dafür, dass das Buch während der Pandemie zum essenziellen Gut erklärt wurde.“

Webbücher: die „Parallellektüre“ der Jugendlichen
Die Maßnahmen zur Leseförderung, die im Rahmen der „grande chose nationale“ ergriffen werden, dienen also wohl nicht zuletzt dazu, die tatsächlichen Verhältnisse an dieses theoretische Bewusstsein anzugleichen. Viele Menschen in Frankreich würden nicht lesen, so das Bildungsministerium, „weil Bücher nicht Teil ihres soziokulturellen Umfelds sind, oder weil sie unter einer Sprachbarriere leiden“. Um das zu ändern, soll in erster Linie mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet werden, es wird vor allem auf Veranstaltungen und Unterrichtsschwerpunkte an Schulen gesetzt.
Auf Jugendliche müsse auch in anderer Hinsicht mehr eingegangen werden, meint Pierre Dutilleul. Ihre Lesegewohnheiten unterscheiden sich von denen älterer Menschen; eine Tatsache, der oft nicht genug Rechnung getragen werde. „Es gibt in Frankreich eine Lesegemeinschaft, die wir ‚young adults‘ nennen, das sind junge Leser:innen bis etwa 25 Jahre. Auf sie müssen wir uns verstärkt konzentrieren.“
Viele von ihnen lesen beispielsweise vor allem „Webbücher“, also literarische Texte, die online publiziert werden und nie in gedruckter Form erscheinen. „Unter den zehn meisterverkauften Büchern des Jahres 2021 sind drei oder vier, die sich aus Texten in den sozialen Netzwerken entwickelt haben“, erklärt Dutilleul. „Manche davon waren nicht, oder sind immer noch nicht, in Buchhandlungen erhältlich.“
Obwohl von vielen dieser Onlinebücher jährlich 3.000 bis 4.000 Exemplare verkauft werden, kennen viele Menschen sie und ihre Autor:innen nicht. „Wir sehen, dass damit in der jungen Generation eine Art Parallellektüre entstanden ist, sagt der Generaldirektor des SNE. Die Kluft zwischen verschiedenen Arten des Lesens soll geschlossen werden: „Es ist in unserem eigenen Interesse uns damit zu beschäftigen und verstärkt darauf einzugehen.“

Mangas erleben einen sagenhaften Boom
Jugendliche lesen aber durchaus auch gedruckte Bücher. Geschriebenes also, aber auch Gezeichnetes: Ein unter jungen Menschen sehr beliebtes Genre ist das „BD“. „Bandes desinées“ kann man als „gezeichnete Bücher“ übersetzen. Diese machen in Frankreich einen signifikanten Teil der verkauften Bücher aus, Tendenz steigend. Während Comicbücher in Österreich und vielen anderen Ländern vor allem als Lektüre für Kinder wahrgenommen werden, gelten sie in Frankreich schlicht als eine weitere, ernstzunehmende Form der Literatur. 2020 machten Comics 12,5  Prozent des französischen Buchmarktes aus.

„Ich denke, dass lässt sich vielleicht mit der langen Tradition einer lebendigen Bildkultur in Frankreich erklären“, sagt Christophe Danvers. „In Frankreich sind Menschen daran gewöhnt, nicht nur Worte, sondern auch Bilder zu lesen. Wir haben eine lange Karikaturentradition, die vor allem für Zeitschriften eine wichtige Rolle spielt. Auch sehr wichtige, ernste Themen werden zeichnerisch wiedergegeben und in dieser Form von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Denken Sie etwa an Charlie Hebdo.“ Dadurch habe man weniger Vorurteile gegen „Bilderbücher“ wie Comics und Mangas.
Letztere erleben in Frankreich gerade einen nie dagewesenen Aufschwung. „Mangas zählen zwar nicht zu den traditionellen Kulturgütern Frankreichs, gewinnen aber derzeit sehr schnell an Bedeutung für den Buchmarkt“, erklärt Generaldirektor Dutilleul. In dieser Kategorie verzeichnet der französische Buchmarkt 2022 einen Anstieg von achtzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das sei, sagt Dutilleul, „unglaublich, eine historische Zahl“.

Nicht aus Frankreich, aber französisch
Ein weiteres wichtiges „Genre“ ist Literatur aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs. Texte aus diesen Ländern werden häufig zwar als Teil des Kulturgutes der Nation wahrgenommen, trotzdem bilden sie eine eigene Kategorie. „Ich erinnere mich daran, dass mir oft Buchhandlungen aufgefallen sind, die sich auf Literatur aus der Frankophonie spezialisiert haben“ erzählt Julia Schoch, Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Französischen. Von einer auffälligen Trennung zwischen Literatur aus Frankreich und Literatur aus anderen französischsprachigen Ländern berichtet auch Christophe Danvers: „In Frankreichs Buchhandlungen gibt es meist eine Art „frankophone Ecke“, die sich vom Rest der französischsprachigen Literatur abhebt.“
In letzter Zeit verschwimmt die einst so deutlich gezogene Grenze allerdings zunehmend: 2021 wurde der senegalesische Autor Mohamed Mbougar Sarr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, für seinen Roman „La plus secrète mémoire des hommes“ (was auf Deutsch sinngemäß mit „Die geheimste Erinnerung der Menschheit“ übersetzt werden kann). Der Roman wurde in Kooperation mit dem Pariser Philippe Rey und dem senegalesischen Verlagshaus Jimsaan veröffentlicht, er ist also gleichzeitig in Frankreich und im Senegal erschienen.
„Am Tag der Verleihung ist der Prix Goncourt die Hauptgeschichte in den französischen Abendnachrichten“, erklärt Danvers. Mehr muss man nicht sagen um die Relevanz französischer Literaturpreise zu erklären. Unter diesen gilt der Goncourt praktisch als Gottes Segen: Der Preis ist so prestigeträchtig, dass alle Schriftsteller:innen, die ihn erhalten, automatisch zu Bestsellerautor:innen werden und als meisterhafte Literat:innen gelten. Die preisgekrönten Bücher werden mit einem roten „bandeau“ mit weißer Schrift umhüllt und sind damit von weitem als große Literatur erkennbar.
Dass ein senegalischer Autor den Prix Goncourt erhalten hat, ist also eine große Sache. Die Trennwand zwischen der frankophonen und der französischen Literatur ist wieder etwas poröser geworden. Erfreulich ist außerdem: Trotz geistiger Trennung von französischen Autor:innen, sei frankophone Literatur durchaus stark präsent, meint Schoch. „Es gibt dazu beispielsweise immer eigene Universitätsveranstaltungen, es werden für Studierende auch Austausch- und Reisemöglichkeiten in diese Länder angeboten. Der Austausch zwischen Frankreich und der Frankophonie ist etwa mit der deutschsprachigen Literaturlandschaft nicht vergleichbar, man kann das französische Modell als einzigartig betrachten.“

Die Buchhändler:innen als Helden der Pandemie
Einzigartig ist auch die Auswirkung der Pandemie auf die französische Buchbranche. Covid-19 hat die Buchmärkte der meisten Länder dazu veranlasst Katastrophenmeldungen auszusenden. Kein Wunder: Verkaufszahlen brachen dramatisch ein; kleinere Buchhandlungen, die vor allem vom stationären Verkauf leben, konnten sich aufgrund der langen Schließungsphasen kaum über Wasser halten.
In Frankreich gestaltet sich die Situation ein wenig anders: Obwohl die Lage nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 ebenso düster war, wie in den meisten anderen Ländern (minus 278 Millionen Euro Umsatz gegenüber demselben Zeitraum im Vorjahr laut SNE), ging der Jahresumsatz französischer Buchhandlungen im ersten Pandemiejahr 2020 um nur zwei Prozent zurück. Innerhalb von wenigen Monaten stieg der Umsatz so stark an, dass die Verluste fast vollständig ausgeglichen werden konnten. Entscheidend dafür war die Zusammenarbeit der kleineren, unabhängigen Buchhandlungen: Als sie im November 2020 wieder schließen mussten, organisierten sie sich sofort untereinander in einem Click-and-Collect-System.
Ebenso entscheidend war das Interesse der Französinnen und Franzosen. „Gleich nach den Lebens- und Systemerhaltenden Berufsgruppen, vor allem natürlich dem Gesundheitssektor, wurden Buchhändler:innen in Frankreich als ‚Helden den Pandemie‘ wahrgenommen“, sagt Danvers. „Noch nie hat man in der Öffentlichkeit so leidenschaftlich von den Buchhandlungen gesprochen“, jubelte damals auch Guillaume Husson vom französischen Buchhändlerverband. Die französische Bevölkerung war ernsthaft um sie besorgt. „Mehr noch als etwa um Institutionen wie Kino und Theater,“ erklärt Danvers.
Hier wären wir also wieder, beim Kulturgut Nummer eins. Dass das Buch in Frankreich tatsächlich als solches wahrgenommen wird, wurde durch die Pandemie bestätigt. Mittlerweile haben die Buchhandlungen wieder geöffnet und erfreuen sich zahlreicher Kund:innen. Wenn es wärmer wird, werden wohl auch die „Bouquinistes“, die Buchhändler:innen mit den kleinen Ständen entlang der beiden Seineufer, wieder von literaturaffinen Menschen umschwärmt. Obwohl die Tätigkeit der Bouquinistes harte Arbeit ist und sich finanziell oft kaum rentiert, bewerben sich jährlich hunderte Menschen um einen Platz für ihren Buchstand. Diejenigen, die das größte Interesse und die größte Leidenschaft für Bücher beweisen, erhalten eine Lizenz. So ist das eben in Frankreich: Das Wissen um den Wert des gedruckten Wortes ist Teil des Nationalstolzes.

Illustration: Georg Feierfeil
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