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Anzeiger 2/2021 – Wassermänner mit viel Zeit, altbekannte Teddys und singende Bären

Kinder- und Jugendbücher erfreuten sich im vergangenen Jahr besonders großer Beliebtheit. Geschlossene Schulen und mehrere Lockdowns führten dazu, dass viele Kinder und Eltern mehr Zeit zum Lesen und Vorlesen hatten. Neben Beschäftigungsbüchern sind auch Sachbücher zu Umweltthemen sowie Bücher, die beim Lesenlernen helfen, besonders gefragt. Vier Buchhändler*innen beschreiben spannende Neuerscheinungen und Trends beim Kinder- und Jugendbuch.

Text: Hannah Lea Jutz

Bücher für Jung und Alt: Magda Hassan von der Kinderbuchabteilung Herder

Magda Hassan leitet die Kinderbuchabteilung der Buchhandlung Herder in der Wollzeile im ersten Wiener Gemeindebezirk. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Ines Kühnel und Verena Reiber legt sie bei der Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur besonderen Wert auf Vielfalt. „Es soll für jeden Geschmack etwas dabei sein.“ Einen hohen Stellenwert haben Werte und Geschichten: „Ohne erhobenen Zeigefinger und ganz spielerisch identifizieren sich die Leser*innen schließlich mit den Protagonist*innen und bilden sich ihre eigene Meinung zu dem im Buch Erlebten.“ Für die Buchhandlung ist es von großer Bedeutung, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen Freude am gemeinsamen Lesen haben. Daher finden sich in den Regalen viele Kinder- und Bilderbücher, die auch für Erwachsene interessant, lehrreich, schön oder passend sind. „Mit einer unglaublichen Verknappung schaffen es manche Bilderbücher, Themen, die uns alle betreffen, auf den Punkt zu bringen und uns zu berühren – egal, wie alt wir sind. Dann werden Kinderbücher zu Kunstwerken. Ein Credo, dem ich mich mit dem Verein Kinderkulturwelt verschrieben habe.“ Der Verein Kinderkulturwelt fördert altersübergreifende Kunst und organisiert verschiedene Veranstaltungen zum Thema. Im letzten Jahr fand die „Kinderbuchwelt“, eine Ausstellung des Vereins, im virtuellen Raum statt und ist online weiterhin verfügbar (www.kinderbuchwelt.at).

In diesem Jahr gibt es verschiedene Titel, auf die sich Magda Hassan und ihre Kolleginnen freuen. Das neue Buch „Esther und Salomon“ (Tyrolia) von Elisabeth Steinkellner und Michael Rohrer, in dem zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Lebenswelten aufeinandertreffen und sich ineinander verlieben, ist eines davon. Auch das Debüt „Der Wassermann­ hat Zeit“ (Tyrolia) von Leonie Schlager, die 2019 den Dixi-Kinderliteraturpreis gewann, erwartet Hassan mit Spannung. Im Buch geht es um den friedlichen Wassermann, der jedem noch so kleinen Thema seine Aufmerksamkeit widmet. Denn er weiß, dass alles seine Zeit braucht. Beliebt beim Team ist die „Qualle“-Reihe von Lena Raubaum, die in diesem Jahr um „Qualle in der Küche“ (Obelisk) erweitert wird. Ebenfalls gespannt sind sie auf „Gwendolyn macht’s andersrum“ (Edition Nilpferd) von Melanie Laibl mit Illustrationen von Barbara Fisinger. Neben den Neuerscheinungen aus den österreichischen Verlagen schätzen Hassan und ihr Team auch immer jene aus den Verlagen Jacoby & Stuart, NordSüd, Gerstenberg, Adrian, Mixtvision, Bohem und Knesebeck. „Tatsächlich ist das Durchstöbern aller Verlagsprogramme jede Saison aufs Neue spannend. Wir sind stets darauf neugierig, was sich die Verlage einfallen lassen und welche Autor*innen und Künstler*innen sie entdeckt haben.“

Beim Durchstöbern fallen in diesem Jahr die vielen Titel zu den Themen Viren, Bakterien und Gesundheit auf. Magda Hassan findet es besonders positiv, dass immer mehr Bücher auf den Markt kommen, die eine bunte Vielfalt an Figuren abbilden, ohne dabei zu problematisieren. „Hervorzuheben ist hier einerseits die mutige Verlagsarbeit des Zuckersüß Verlags und andererseits das neue Verlagsprogramm von Penguin Junior – in diesen Büchern wird mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit Diversität und damit die Realität abgebildet.“

 

Hochwertige Illustrationen und unerwartete Held*innen: Franz Lindl von der Buchhandlung Morawa

Ebenfalls in der Wollzeile, nur wenige Hundert Meter entfernt, liegt die Traditionsbuchhandlung Morawa. Vor etwas weniger als drei Jahren hat Franz Lindl dort die Filialleitung übernommen. Bei der Auswahl von neuen Büchern legt die Buchhandlung neben Aktualitätsbezug großen Wert auf Ausgewogenheit. „Wir möchten Kindern und Jugendlichen Bücher anbieten, die von starken Charakteren handeln, von Vorbildern oder auch von Außenseiter*innen und ‚Sonderlingen‘, die man am Ende der Geschichte zu verstehen und zu schätzen gelernt hat.“ Diese Bücher sollen nicht nur Spaß am Lernen wecken und den Wissensdurst der Kinder stillen, sondern auch den Horizont der Lesenden erweitern. Außerdem wird bei Bilder- und Sachbüchern besonders auf Publikationen geachtet, die mit hochwertigen Illustrationen aufwarten.

Daher freut sich Lindl auf das Bilderbuch „Julian feiert die Liebe“ (Knesebeck) von Jessica Love, in dem Julian auf eine Hochzeit eingeladen ist und dort Blumenkind sein darf. Auf der Hochzeit lernt Julian Marisol kennen, die beim Herumtollen ihr Kleid ganz dreckig macht. Doch Julian hat eine Idee, wie er ihr helfen kann. Auch das Kinderbuch „Die Nachtbushelden“ (Atrium) von Onjali Q. Raúf, in dem Protagonist Hector einem Komplott gegen die Obdachlosen der Stadt auf die Schliche kommt, darf im Morawa-Bücherregal nicht fehlen. Ebenfalls spannend findet Lindl den Abenteuerroman „Der Ruf des Schamanen“ (Thienemann-Esslinger) von Bestseller-Autor Davide Morosinotto, der die Lesenden in den Amazonas-Dschungel entführt. Denn Laila und ihr Freund El Rato müssen unbedingt den alten Schamanen finden, damit er Lailas unheilbare Krankheit vielleicht doch noch heilen kann. Auch den Jugendroman „Und der Ozean war unser Himmel“ (cbj) von Patrick Ness mit Illustrationen von Rovina Cai hat Lindl bestellt. Dieser handelt von einer Herde von Walen, die einen ewigen Krieg gegen die Welt der Menschen führen und in einem treibenden Schiff auf ein unglaubliches Monster stoßen. Bei den österreichischen Verlagen stechen für Lindl das neue Buch der „Teddy Eddy“-Reihe von Ingrid Hofer, „Mein Freund Teddy Eddy – Wunderbare Vorlesegeschichten“ (G&G), und „Esther und Salomon“ (Tyrolia) von Elisabeth Steinkellner und Michael Roher hervor.

Besonders beliebt in der Buchhandlung Morawa sind aktuell Kinderbeschäftigungsbücher, die die Kreativität fördern und bei denen Kinder malen, basteln oder rätseln können. Im Trend liegen auch Escape-Spiele. „Die Zeiten des Lockdowns haben diesen Trend gesetzt. Im Frühjahr 2021 haben viele Verlage ihr Angebot erweitert und an diese neuen Bedürfnisse angepasst.“ Abgesehen davon werden hochwertige Sachbücher zu Umweltthemen, Tierfantasy-Romane und skurrile Krimis konstant nachgefragt. Ebenso konstant nimmt Lindl den Umsatz-zuwachs im Kinder- und Jugendbuch­bereich aber auch bei der Belletristik wahr. „Das war in dieser Form nicht zu erwarten und wurde wahrscheinlich schon durch den Frühjahrslockdown befeuert.“

 

Komplexe Gefühlswelten und Geschichten vom Rande der Gesellschaft: Eva Maria Volgger von der Buchhandlung Ananas

Eva Maria Volgger betreibt nun seit fast dreißig Jahren die Kinder- und Jugendbuchhandlung in Dornbirn. Bevor sie das Geschäft gründete, war sie Lehrerin, somit kann sie in den Verkaufsgesprächen sehr gut und schnell einschätzen, ob die Text- und Inhaltsanforderungen in den Büchern den Entwicklungsstufen der jeweiligen Kinder entsprechen. Sie arbeitet eng mit öffentlichen Stellen, Schulen oder Bibliotheken zusammen und bestückt regelmäßig deren Bücherregale. Dank ihrer langjährigen Berufserfahrung weiß sie Bescheid über die inhaltliche Ausrichtung der Verlage und legt im Einkauf großen Wert auf Anspruch und die Verantwortung den Kindern gegenüber sowie auf Vielfalt. Inzwischen sind etwa 150 Verlage mit Kinder- und Jugendbuchprogrammen in der engeren Auswahl bei den jährlichen Bestellungen der Neuerscheinungen und der Durchsicht der Backlist. Volgger nimmt sich viel Zeit für die Beratung von Kindern. „Kinder lassen sich gut motivieren, die Neugier erwacht und der Funke springt dann schon. Ich unterstelle ihnen nicht, sich nicht auf Neues einlassen zu können.“

Interessant findet sie, wie viele Neuerscheinungen es aktuell gibt, in denen es um große und kleine, „gute“ und „schlechte“ Gefühle geht und um Selbstwahrnehmung. „Vladimir, der kleine Vampir“ (Picus) von Grégoire Solotareff hat Angst, die Vorgaben seiner Eltern nicht erfüllen zu können. Wie wird man bloß ein erfolgreicher Vampir?  „In einer beeindruckenden Kombination von lebendig-schönen Bildern und klarem Text erzählt Solotareff von den Ängsten der Kleinen und Großen und darüber, dass die Jüngsten oft die Mutigsten sind.“ Noch ein Titel aus dem Picus Verlag beschäftigt sich mit Emotionen, ist faszinierend einfach und berührend, beschreibt Volgger: „Bär singt“ von Émile Jadoul. Wenn der Mond aufgeht, streift der Bär durch den Wald und singt ein Schlaflied für seine Freund*innen, etwa für die Amsel. Auch sie schläft ein, aber für immer. „Großartig und gleichwertig eindrucksvoll sind auch die Illustrationen“, sagt Eva Maria Volgger.

Sie sieht auch einen Paradigmenwechsel: Herausfordernde und gesellschaftsrelevante Themen wie soziale Herkunft oder Armut werden nicht mehr ausgespart, sondern finden immer mehr Beachtung. „Solange wir zusammen sind“ (Thienemann-Esslinger) von Bobbie Pyron beschreibt eine Familie, die in einer Notunterkunft leben muss und für die nichts mehr so ist, wie es war. Oder in „Zimteis mit Honig“ (Picus) von Barbara Schinko beobachtet Moritz in einem Einkaufszentrum ein Mädchen, das nicht in die Schule geht, wenn er muss. Einfühlsam und behutsam nähert sich die Autorin in dieser Erzählung dem Thema Obdachlosigkeit an. Die Illustrationen stammen von der preisgekrönten Künstlerin Ulrike Möltgen.

„Die ,Lust auf Lesen‘-Reihe aus dem Beltz Verlag fällt auf, weil endlich intelligente, unterhaltsame und motivierende Bücher für die ersten Lesejahre geschaffen wurden“, begeistert sich Volgger. In „Die Keilers machen sich breit“ erzählt Alice Keller eine „tierisch“ gute Geschichte, in der es sich die beiden Wildschweine Oswald und Fernanda Keiler in einem Menschenhaus gemütlich machen.

 

Lyrik, Umweltschutz und Unterwasserwelten: Franziska Schweizer von der Buchhandlung Pippilotta

Im Februar vor acht Jahren eröffnete Franziska Schweizer die Kinderbuchhandlung Pippilotta in Ottakring. Die Bücher bei Pippilotta sucht sie alle selbst aus und hat dabei keine bestimmten Themenschwerpunkte, sondern richtet sich stark nach ihren Kund*innen. Die kleine Buchhandlung hat ein großes Stammkundensortiment, Laufkundschaft kommt kaum vorbei. „Ich lege viel Wert auf Diversität und Gendergerechtigkeit. Das verlangen und wollen meine Kund*innen auch. Natürlich suche ich auch Bücher aus, die mir selbst gefallen.“ Wie der Name schon erahnen lässt, gibt es bei Franziska Schweizer viele Klassiker von Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger, Otfried Preußler oder Michael Ende.

Mit den aktuellen Verlagsvorschauen ist Franziska Schweizer zwar noch nicht ganz durch, trotzdem hat sie das Gefühl, dass die Verlagsprogramme des vergangenen Jahres ein wenig stärker waren. Ein Lichtblick sei der Moritz Verlag, den die Buchhändlerin generell schätzt, und das Bilderbuch „Tief im Ozean“ (Moritz) von John Hare. Im textlosen Buch erzählt Hare mit Gesten die Geschichte von einem Tiefsee-Bus, der eine Kindergruppe an den Meeresboden bringt. Dabei geht eines der Kinder verloren und ist plötzlich auf sich allein gestellt. Auch beim Jungbrunnen und Tyrolia Verlag wird Schweizer fündig. „Ich schätze es, dass die Lyrik mehr in den Vordergrund gekommen ist. Es gibt immer mehr großartige Gedichte, Lyrik und Sprachspiele im Kinderbereich.“ „kuddelmuddel remmidemmi schnickschnack“ (Peter Hammer Verlag) von Arne Rautenberg ist ein Gedichtband für Kinder, der mit lustigen Gedichten für Jung und Alt besticht. Ein Buch, dass zwar nicht neu erschienen, aber immer noch sehr aktuell ist und bei Pippilotta nachgefragt wird, ist „Wie viel wärmer ist 1 Grad?“ (Beltz) von Kristina Scharmacher-Schreiber und Stephanie Marian. Darin werden einfach und schlüssig die Folgen des Klimawandels veranschaulicht. „Das ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet.“

Den Trend zu Nachhaltigkeits-, Natur- und Umweltthemen beobachtet Franziska Schweizer weiterhin. Nicht nur bei den Sachbüchern, sondern auch im Bilderbuch-Bereich. Trotz Corona und Lockdown hat die Pippilotta-Inhaberin aktuell alle Hände voll zu tun, um die Wünsche ihrer Kund*innen zu erfüllen. „Ich merke, dass verstärkt Kinder- und Bilderbücher nachgefragt werden, in denen unterschiedliche Kinder vorkommen und die Kund*innen Wert darauf legen, dass nicht nur weiße Kinder abgebildet sind.“

9.3.2021

Illustration (c) Leonie Schlager
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