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Anzeiger 12/2020 – „Dickschiffe auf den Belletristikwellen“

Es gibt sie in zigtausendfacher Ausführung: Literaturpreise. Sie sollen Autor*innen und Bücher ins Bewusstsein rücken, Anerkennung bieten und den Verkauf ankurbeln. Nicht jeder Preis schafft es, in der Branche und beim Lesepublikum anzukommen – schon gar nicht international. Wir haben die bedeutendsten unter die Lupe genommen und einen Blick über den Tellerrand gewagt. Spoiler: Es lohnt sich.

Text: Teresa Preis

Der Größte von allen: Nobelpreis für Literatur

Der bekannteste Literaturpreis der Welt ist zugleich auch der am höchsten dotierte. Aktuell erhalten die Gewinner*innen neun Millionen Schwedische Kronen (etwa 831.000 Euro). Werden die Preisträger*innen schon im Oktober bekannt gegeben, erfolgt die Preisverleihung am 10. Dezember, dem Todestag des namensstiftenden Alfred Nobel.
Der hatte in seinem Testament verfügt, dass die Preisträger*innen für Literatur „das Beste in idealistischer Richtung geschaffen“ haben sollten.

Unter den bisherigen Literaturnobel–preisträger*innen findet man allerdings nur 16 Frauen, im Gegensatz zu 101 Männern (kleines Gedankenspiel: zählen Sie zehn davon auf). Immerhin reichen die 16 zur zweithöchsten Quote an weiblichen Ausgezeichneten bei den Nobelpreisen, hinter dem Friedensnobelpreis. Der seit 1901 verliehene Preis ging bisher zweimal an Österreicher*innen: an Elfriede Jelinek im Jahr 2004 und an Peter Handke 2019. Die Verleihung an Handke sorgte durchaus für Aufsehen. Er hatte sich während der Jugo­slawienkriege mit Serbien solidarisch gezeigt. Im Jahr 2006 hielt er eine Rede auf der Beerdigung des serbischen Diktators Slobodan Milošević. Kritik an der Wahl gab es international reichlich. Im Spiegel ließ sich der Kulturchef der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter, Björn Wiman, rückblickend auf die Auszeichnung Handkes mit den Worten zitieren: „International betrachtet ist das eine mindestens mittelgroße Krise gewesen.“

 

Umstritten: Die andere Seite der Medaille

Noch mehr Aufmerksamkeit gab es für andere Vorfälle. Im Jahr 1964 verweigerte Jean-Paul Sartre die Annahme des Preises. So hatte er es schon mit allen anderen offiziellen Ehrenpreisen gemacht. Da das Nobelpreiskomitee Ablehnungen nicht anerkennt, wird Sartre jedoch weiterhin als Sieger geführt.

Eine fundamentale Krise erlebten der Preis und die ihn verleihende Jury in den letzten Jahren. Der Ehemann von Jury-Mitglied Katarina Frostenson, Jean-Claude Arnault, wurde im Jahr 2018 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der französisch-schwedische Fotograf war wegen einer Vergewaltigung im Jahre 2011 schuldig gesprochen worden. Nicht der einzige Vorwurf gegen Arnault. Auch aus dem Umfeld der Jury hatten insgesamt 18 Frauen sexuelle Übergriffe durch Arnault gemeldet: Mitglieder der Akademie, Frauen und Töchter von Akademiemitgliedern ebenso wie Mitarbeiterinnen der Institution sind darunter. Die Vorwürfe führten zu einem erbitterten Streit über den Umgang mit Arnault. Als entschieden wurde, dass ­Frostensen trotz des Skandals um ihren Mann nicht zurücktreten müsse, kündigten sechs der 18 Mitglieder ihre Mitarbeit auf. Da die Akademie auf diese Weise handlungsunfähig wurde, war die Vergabe des Literaturnobelpreises für 2018 ausgesetzt worden. Im Folgejahr erhielt die polnische Autorin Olga Tokarczuk den Preis rückwirkend.

 

Die anglophone Welt im Mittelpunkt: Booker Prize

Die Vormachtstellung der englischsprachigen Welt spielt für die Bedeutung des britischen Booker Prize (ehemals „Man Booker Prize for Fiction“) eine Rolle. Außerdem erwarb der seit 1969 verliehene Preis seinen Ruf durch einige aufsehenerregende Auswahlen. Exemplarisch dafür steht die Entscheidung im Jahr 2019, den Preis zwischen der ehemaligen Preisträgerin Margaret Atwood („Die Zeuginnen“, Berlin Verlag) und der afrobritischen Autorin Bernardine Evaristo („Mädchen, Frau etc.“, Tropen) zu teilen. Einerseits also eine Bewahrung von Tradition, auf der anderen Seite ein Aufbruch in die vielfältige Gegenwart.

Dank seiner Stellung hat der Booker Prize eine enorme Bedeutung für den Buchverkauf, nicht nur in der anglophonen Welt. Das war auch eines der ursprünglichen Ziele. Angelehnt ist der Booker Prize an den französischen Prix Goncourt. Wie es sich bei so viel Aufmerksamkeit gehört, gab es natürlich auch immer wieder Skandale. Im Jahr 1972 spendete der Linke John Berger die Hälfte seines Preisgeldes an die
Black Panther Party. So wollte er gegen den namensgebenden Lebensmittelgroßhändler Booker McGonnell demonstrieren. Diesen bezichtigte er, durch Zucker-geschäfte zur Verarmung der Karibik beigetragen zu haben. Mehr als zwanzig Jahre danach weigerten sich 1993 zwei Jurorinnen, den Drogenroman (und späteren Welterfolg) „Trainspotting“ von Irvine Welsh auf der Shortlist zu akzeptieren, nachdem er bereits nominiert worden war. Als sie drohten, ihre Ämter zurückzulegen, wurde Welshs Roman wieder von der Shortlist entfernt.

Heuer gab es dann tatsächlich einen schottischen Sieger. Das Debüt „Shuggie Bain“ (angekündigt für August 2021 bei Hanser Berlin) von Douglas Stuart erhielt den mit 50.000 britischen Pfund dotierten Preis in einer Zeremonie am 19. November – virtuell. Neben der eigentlichen Verleihung gibt es auch noch jeden Sommer die Verleihung des The International Booker Prize. Er wird für ein in Großbritannien oder Irland in Übersetzung erschienenes Werk vergeben.

 

Publizistischer Fokus: Pulitzer

Der Pulitzer-Preis erzeugt in der Medien- und Kulturwelt ein enormes Echo. Auch seine Belletristikkategorie. In dieser Kategorie wird jährlich das Buch einer US-amerikanischen Autor*in ausgezeichnet. Im Jahr 2020 gewann Colson Whitehead mit seinem Buch „Die Nickel Boys“ (Hanser). Neben Booth Tarkington, William Faulkner und John Updike gehört Whitehead zu den einzigen vier Autor*innen, die den Pulitzer-Preis für Belletristik schon zwei Mal gewonnen haben.

Großes Aufsehen gab es im Jahr 2009. Damals gewann Bob Dylan einen Sonderpreis für seine „lyrischen Kompositionen von außerordentlicher poetischer Ausdruckskraft“ (den Literaturnobelpreis erhielt er 2017). Dabei ging fast unter, dass die Jury der Columbia University auch in diesem Jahr einen Pulitzer-Preis für Belletristik vergeben hatte: An den amerikanisch-dominikanischen Autor Junot Díaz für „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ (S. Fischer).

 

Oscars der US-Literatur? National Book Awards

Das andere Dickschiff der US-amerikanischen Literaturpreise ist der National Book Award. Er wird seit 1936 verliehen – mit einer Pause zwischen 1942 und 1950. Aktuell gibt es Preise für die Kategorien Roman, Sachbuch, Lyrik, Romanübersetzung und Jugendbuch. Wie der Pulitzer-Preis ist auch der National Book Award in seiner Vermarktung an den Oscar angelehnt. Jedes Jahr im November kommt es zur Auszeichnung. Gegründet wurde der Preis einst vom US-amerikanischen Buchhandelsverband (American Booksellers Association). Seit 1988 wird er von der eigens gegründeten Non-Profit-Organisation National Book Foundation ausgerichtet. Zu den Sieger*innen im Jahr 2020 gehörten etwa Charles Yu für seinen Roman „Chinatown“ sowie die Biografie über den amerikanischen Bürgerrechtler Malcolm X, „The Dead Are Arising“, von Les Payne.

 

Wo 10 Euro viel wert sind: Prix Goncourt

Bereits seit 1903 wird der wichtigste Literaturpreis Frankreichs verliehen: Der Prix Goncourt für Literatur. Die Auszeichnung ist nach den beiden Schriftsteller-Brüdern Edmond­ und Jules de Goncourt benannt. Das Preisgeld beträgt symbolische zehn Euro, es geht beim wichtigsten Literaturpreis im frankophonen Raum vor allem um das Renommee:

Gewinnertitel können sich für gewöhnlich auf eine große Absatzsteigerung freuen. Man kann den Preis nur einmal gewinnen, nur in Ausnahmefällen ging er an Roman­debüts. Bloß einer hat den Preis bereits zweimal bekommen: Romain Gary wurde sowohl 1956 für „Die Wurzeln des Himmels“ als auch für seinen 1975 unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlichten „Du hast das Leben noch vor dir“ ausgezeichnet. In diesem Jahr ging der Prix Goncourt für Literatur an den Autor Hervé Le Tellier für „L’Anomalie“. Die deutsche Ausgabe „Die Anomalie“ ist für September 2021 bei Rowohlt angekündigt.

 

Wo die spanische Welt zusammenkommt: Cervantespreis

Der spanische Cervantespreis gilt gemeinhin als der wichtigste Preis der spanischsprachigen Welt. Benannt ist die Auszeichnung nach dem „Don Quijote“-Autor Miguel de Cervantes­. Verliehen wird der Premio Miguel de Cervantes jährlich rund um den Todestag des Namensgebers am 23. April. Was den Preis besonders macht: Ausgezeichnet wird das Lebenswerk statt eines einzelnen Titels.

2020 ging der Preis an den spanischen Lyriker Francisco Brines. Wie die vorigen Gewinner*innen erhielt er ein Preisgeld von 125.000 Euro. Der mittlerweile 88-jährige ­Brines gilt als einer der wichtigsten Dichter Spaniens. Blickt man auf die Liste der Ausgezeichneten, fällt auf, dass der seit 1976 vom Kulturministerium Spaniens verliehene Preis in etwa abwechselnd an Spanier*innen und Hispanoamerikaner*innen geht.

 

Prémio Camões und Premio Strega

Zu den höchstdotierten Literaturpreisen der Welt gehört auch der Prémio Camões. Die nach Luís des Camões benannte Auszeichnung bringt den Sieger*innen 100.000 Euro ein. Der namensgebende Camões schrieb das gemeinhin als portugiesisches Nationalepos angesehene „Die Lusiaden“. Der Preis wurde 1989 vom Kulturinstitut des portugiesischen Außenministeriums und einer Stiftung des brasilianischen Kulturministeriums eingerichtet. 2020 wurde der wichtigste Preis der portugiesischsprachigen Welt an den im deutschen Sprachraum noch eher unbekannten Essayisten und Lyriker Vítor Manuel Pires de Aguiar e Silva vergeben.

Italiens wichtigster Literaturpreis wurde 1947 erstmals ausgelobt. Der Premio Strega entstand aus dem Literatursalon von Maria und Goffredo Bellonci. Sie setzten den Preis gemeinsam mit Guido Alberti ein. Der italienische Schauspieler und Likörfabrikant arbeitete für die Firma Strega. Jährlich werden beim Premio Strega Werke ausgezeichnet, die im Original auf Italienisch veröffentlicht wurden. Im Jahr 2020 setzte sich Sandro Veronesi mit „Il colibri“ gegen die anderen vier nominierten Werke der Shortlist durch. Die deutsche Übersetzung „Der Kolibri“ erscheint im Herbst 2021 im Zsolnay Verlag.

 

Blick in den Osten Europas: Russland, Slowenien und Polen

Der noch relativ junge russische Literaturpreis „Das große Buch“ ist auch der größte des Landes. Mit einem Gesamtpreisgeld von insgesamt 5,5 Millionen Rubeln ist er zudem lukrativ. Zuletzt waren Maria Stepanova (siehe Interview in Ausgabe 2/2019), Aleksander Arkhangelski und Dmitri Bykow nominiert. Der im Jahr 2006 lancierte Preis berücksichtigt Romane, Essays, Geschichten, Sachbücher, Biografien und Memoiren. Gefördert wurde der Preis über die Jahre von verschiedenen staatlichen, aber auch privatwirtschaftlichen Trägern.

Seit dreißig Jahren wird der Kresnik-Preis für das beste slowenische Werk vergeben. Verliehen wird er vom Verlagshaus der größten Tageszeitung Sloweniens, Delo. Zuletzt bekam die Autorin und Übersetzerin Veronika Simoniti den Kresnik-Preis für ihren Roman „Ivana pred morjem“. Im Jubiläumsjahr 2020 wurde zudem der beste Roman der vergangenen zehn Jahre gekürt. Der Sieger war ein Altbekannter, auch aus dem anzeiger-Gespräch in Ausgabe 4/2020, der Erfolgsautor und mehrfache Kresnik-Preisträger Drago Jančar für „Die Nacht, als ich sie sah“ (Folio).

Der Nagroda literacka Nike ist die bedeutendste literarische Auszeichnung Polens und wird für das beste polnische Buch des Vorjahres vergeben. Obwohl es der Name vermuten lassen könnte, wird der Preis nicht von der bekannten Sportmarke gefördert, sondern von der großen Tageszeitung Gazeta
Wyborcza. Der Hauptpreis wurde heuer für einen Fantasy-Roman von Radek Rak vergeben, der Publikumspreis ging an die Autorin Joanna Gierak-Onoszko. Rak setzte sich auf einer Longlist von zwanzig Titeln durch. Der Publikumspreis wird alljährlich aus einer Liste mit sieben Werken bestimmt, die von der Gazeta Wyborcza ausgewählt werden. Die Verleihung findet im Oktober statt.

 

Wo Kontinente zusammenkommen: EUPL und Caine Prize

Der Literaturpreis der EU (European Union Prize for Literature, kurz: EUPL) legt seinen Fokus auf noch eher unbekannte Autor*innen aus den Mitgliedsstaaten. Jährlich werden 11 bis 13 Schriftsteller*innen ausgezeichnet. Die bedachten Länder alternieren im Drei-Jahres-Rhythmus.

Jeder Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Zum zehnjährigen Jubiläum des Preises 2018 fand unter dem Motto „A European Story: EUPL Winners Write Europe“ ein Schreibwettbewerb statt, an dem sich 36 frühere EUPL-Gewinner*innen aus 26 Ländern mit Kurzgeschichten beteiligten. Die Publikation wurde im Rahmen der Preisverleihung im Wiener Belvedere vorgestellt. Die Veranstaltung wurde vom Bundeskanzleramt in Zusammenarbeit mit der Federation of European Publishers (FEP) und dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels (HVB) ausgerichtet. Als letzte Österreicher*in erhielt Laura Freudenthaler (siehe Ausgabe 7–8/2020) 2019 für ihren Roman „Geistergeschichte“ (Droschl) den EUPL.

Kurzgeschichten stehen auch im Mittelpunkt des panafrikanischen Caine-Preises. Voraussetzung ist, dass sie von einer afrikanischen Autor*in auf Englisch verfasst wurde. Wo die Person lebt, ist für den Preis irrelevant. Das Ziel des Preises ist, junge afrikanische Autor*innen für ein internationales Publikum genauso wie für internationale Verlagshäuser in den Fokus zu rücken. Den Preis gibt es seit dem Jahr 2000, er ist nach dem Gründer Sir Michael Harris Caine benannt, dem ehemaligen Präsidenten der Booker Group. So wird der Caine-Preis auch gerne „African Booker“ genannt. Er ist mit 10.000 Britischen Pfund dotiert und ging zuletzt an die nigerianische Autorin Irenosen Okojie für die Geschichte „Grace Jones“.

 

(c) Georg Feierfeil
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