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anzeiger 11/2021 – Leben wie im Märchen

So beschreibt der Schriftsteller Wiktor Jerofejew die Situation in Russland. Er ist dankbar dafür, in diesem Land zu leben, wo man mehr über Menschen lernt als anderswo.

Interview: Erich Klein

Wiktor Jerofejew wurde 1947 in Moskau als Sohn eines hochrangigen Sowjetdiplomaten geboren und wuchs in Paris auf. Nach der Rückkehr in die UdSSR studierte er Literatur und Sprachwissenschaft an der Moskauer Lomonossow-Universität, 1979 wurde er wegen seiner Beteiligung am Literaturalmanach „Metropol“ aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. Als er in der Perestrojka-Zeit den Tod der Sowjetliteratur ausrief, war der Skandal perfekt. Sein nicht minder skandalöser Roman „Die Moskauer Schönheit“ (1990) wurde in 27 Sprachen übersetzt wurde. Sein autobiografischer Roman „Der gute Stalin“ wurde 2021 vom Berliner Verlag Matthes & Seitz wieder aufgelegt, erstmals erschien auch die „Enzyklopädie der russischen Seele“ (2021) auf Deutsch.

Herr Jerofejew, Ihre „Enzyklopädie der russischen Seele“ ist ziemlich rabiat. Hatten Sie nie Angst, ihr Land derart sarkastisch darzustellen?

Wiktor Jerofejew: Hätte ich Angst, wäre ich kein Schriftsteller. Ich würde dann gemütlich in Paris leben und an der Sorbonne russische Literatur unterrichten. Wer Angst hat, sollte kein Schriftsteller werden. Ich fürchte mich vor nichts und niemandem, aber es wäre natürlich unangenehm, wenn ich mein Land verlassen müsste. Ich liebe Russland als Material, als Studienobjekt, um die menschliche Natur besser zu verstehen.

Ich bin mir sicher, dass es weder in Österreich noch in Frankreich oder in den USA derart offene und zerrissene Menschen gibt …

Jerofejew: Russland ist in punkto Menschen ein ideales Forschungsgebiet. Warum haben wir eine große Kultur? Der Schriftsteller blickt in die Seele und entdeckt etwas, das nicht nur für Russland, sondern für die ganze Welt von Bedeutung ist – auch wenn es niemand versteht. (lacht)

Als vor dreißig Jahren das neue Russland ausgerufen wurde, war da zu erwarten, dass man, wie kürzlich geschehen, für obszöne Fotos vor einer Kirche ein Jahr Gefängnis kassiert oder im Gefängnissen gefoltert wird?

Jerofejew: Natürlich konnte man das erwarten, obwohl ich es gern anders gehabt hätte. Russland ist wie ein Märchen, und im Zaubermärchen gibt es keine Geschichte. Das Märchen dreht sich im Kreis, alles wiederholt sich, anders ist Russland nicht zu regieren. In diesem Märchen ändern sich die Schauspieler, die Figuren bleiben gleich. Deshalb gibt es dreißig Jahre nach dem Tod der Sowjetunion wieder einen Zaren, dessen Gefolgschaft und Dienerschaft, es gibt „Iwan, den Dummkopf“, der vom russischen Volk so geliebt wird, die die Hexe Baba Jaga, den bösen Drachen. Der alte Knochenmann des Märchens ist heute identisch mit dem Zaren. Im Unterschied zum Westen, der sich mit Geschichte beschäftigt, leben wird im Märchen und wissen nie, wo dessen Anfang und Ende ist. Vielleicht ist jene junge Frau, die vor einer Kirche ihren Hintern zeigt, das Mädchen Aljonuschka aus dem Märchen.

Zurück zum Tag, als die Sowjetunion unterging. Erinnern Sie sich an den 31. Dezember 1991?

Jerofejew: Die Geschichte verlief direkt vor meinen Augen! Ich war bei einer Freundin, die direkt gegenüber dem Kreml wohnt, zu Besuch und habe zu Mitternacht mit eigenen Augen gesehen, wie die Sowjetunion die Hosen runterließ. Nur war das keine Hose, sondern die Fahne. Dann wurde die russische Flagge gehisst. Unvergesslich! Ich wollte nie nur Augenzeuge sein und habe mit meinen Büchern fest an der Hose mitgezogen. (lacht) Ihr im Westen seid glücklich: Manchmal macht ihr Fehler, manchmal herrliche Dinge, wir drehen uns wie ein Kreisel. Vielleicht verstehen wir deshalb die menschliche Natur besser, auch wenn das weniger Komfort und weniger Vergnügen bedeutet. Russland ist für einen Schriftsteller eine großartige Fundgrube!

Eine Fundgrube mit weniger Freiheit, in der man genötig ist …

Jerofejew: … Sie irren sich, ich bin zu überhaupt nichts gezwungen. Ich fühle mich als ein Mensch, bei dem alles in Ordnung ist. Die Familie lebt an einem guten Ort, wir haben eine schöne Wohnung, die Kinder sind toll. Ich werde zu nichts genötigt, und danke Gott dafür, dass er mich in diesem Leben auf eine lebenslange Dienstreise nach Russland geschickt hat. Ich leide auch nicht, und wenn man mich wie den Dichter Gumiljow erschießt – was ich natürlich nicht will! – werde ich trotzdem sagen, Gott hat mich ins richtige Land geschickt.

Das soll man glauben?

Jerofejew: Wir haben unterschiedliche Mentalitäten. Ich lese gerade im „New Yorker“, dass für die Amerikaner jemand ein großer Schriftsteller ist, der einen bestimmten Wortrhythmus findet und sich gute Details ausdenkt. Es stimmt aber nicht, dass ein Roman nur aus Tausenden schönen Details besteht! Ein Roman ist, wenn du mit dem nackten Hintern auf dem Eis sitzt und beginnst, die Struktur der Eiskristalle zu verstehen. Ich lebe in Moskau und Moskau ist anstrengend, rund um uns geschehen schreckliche Dinge wie im Märchen: Im Gefängnisspital wird den Insassen ein Besenstil in den Hintern geschoben. Aber für mich sind dies wichtige Momente der Erkenntnis. Literatur ist ein permanenter Kampf gegen die Entropie, die es im russischen Märchen in hohem Ausmaß gibt. Aber niemand muss mit mir Mitleid haben, ich habe meinen Weg ganz bewusst gewählt. Außerdem liebe ich die russische Kultur und stelle die russische Literatur über alles – für meinen Podcast „Verschwörung der Klassiker“ befreie ich gerade eine ganze Reihe unserer Klassiker vom Staub.

Wie Dostojewskij, dessen zweihundertster Geburtstag gerade gefeiert wird?

Jerofejew: Ich habe nur zwei Lieblingsschriftsteller, den Marquis de Sade und Dostojewski. Am Morgen lese ich Dostojewskij, mit Marquis de Sade schlafe ich ein. Dostojewski ist ein Genie des freien Wortes, ein Pathologe der lebendigen Seele, so paradox das klingen mag. Er war der erste russische Schriftsteller, der tatsächlich allen menschlichen Sichtweisen Ausdruck verlieh.

Er war aber auch mit dem reaktionären Oberzensor des Zaren befreundet, ein Antisemit und vermutlich wahnsinnig …

Jerofejew: Wir schätzen ihn nicht dafür, dass er wahnsinnig ist. Nicht jeder Wahnsinnige ist Schriftsteller, aber fast alle Schriftsteller sind Wahnsinnige. Daran ist nichts Schlechtes. Wenn du die Grenzen des alltäglichen Bewusstseins überschreitest, bist du natürlich ein Wahnsinniger; entweder hast du zu viele Frauen oder zu viele Männer, oder du bist ein Pädophiler wie Dostojewski. Er konnte die Polen nicht leiden, die Deutschen mochte er noch weniger. Unter den Ausländern akzeptierte er nur die Engländer. Aber kein Schriftsteller hat Verbrechen und Strafe besser beschreiben als Dostojewskij – all die Themen des 20. Jahrhunderts: den Übermenschen der Nazis und den Übermenschen des Kommunismus. Es gibt nichts Vergleichbares – weder in der deutschen noch in der englischen oder französischen Literatur. Fjodor Michailowitsch war Epileptiker, ein Spieler, ein Idiot auf seine Art. Plötzlich hatte er eine Erleuchtung. Warum soll ich ihn nach den Gesetzen der Normalität beurteilen, er wurde ohnedies von der Moral der Alltäglichkeit bestraft. In seinen „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ ist der ganze Existenzialismus vorformuliert – man kann in Bezug auf Dostojewskij eine Menge unangenehmer Eigenschaften aufzählen, aber dennoch hat sein Schreiben alle angesteckt: von Nietzsche über Kafka bis Gide und Malraux.

Sie schätzen auch Marcel Proust. Wie geht das mit Dostojewskij zusammen?

Jerofejew: Ich muss Ihnen eine schreckliche Sache sagen: Ich habe zwei Seelen, nicht nur eine! (lacht) Eine Seele liebt Dostojewski und mit dieser Seele zieht es mich in die Arktis zu den Eiskristallen, meine andere Seele, die der französischen Seele sehr nahe ist, bevorzugt Pommes Frites statt russische Erdäpfel. Frankreich war für mich nie ein fremdes Land, ich habe dort meine zweite Seele entdeckt. Proust ist für mich Sauerstoff, aber auch Celine, der für meine Prosa entscheidend war. Flauberts „Madame Bovary“ ist eines der besten Bücher überhaupt! Die Liste wäre sehr lang. Der Marquis de Sade hat mir – ich meine das ganz ernst – die Sowjetunion erklärt.

Inwiefern?

Jerofejew: Die Sowjetunion bedeutete absolute Perversion – Vergnügen erlangte man durch verbotene Dinge. Ich habe einmal in einem Lebensmittelgeschäft gesehen, wie die Verkäuferin eine Kundin mit einem Fisch schlug. Ich hatte den Eindruck, das ist purer Marquis de Sade. Die Kundin hatte sich beschwert, worauf die Verkäuferin den Fisch nahm und ihr damit ins Gesicht drosch. Wer hätte diese Szene beschreiben können – vermutlich wäre das nicht einmal Dostojewskij gelungen. Der Marquis de Sade hätte hingegen gesagt: „Richtig so!“ Die Verkäuferin befand sich in einer Situation der Straffreiheit, die Käuferin sagte: „Gut, ich hab`s verstanden“, und ging nach Hause.

In ihrem neu aufgelegten Roman „Der gute Stalin“ beschreiben Sie ihre Kindheit als Sohn einer hochrangigen Diplomatenfamilie. Ihr Vater war Stalins Dolmetscher und enger Mitarbeiter Molotows. Wann wurde Ihnen ihr privilegierter Status bewusst?

Jerofejew: Es klingt paradox, aber ich habe lange nicht verstanden, dass ich etwas Besonderes sein soll. Vielleicht hat mich das vor Snobismus, Hochmut und ekelhaftem Umgang mit den anderen bewahrt. Mir war klar, dass nicht alle Russen in Paris aufwachsen und Französisch lernen. Dass ich unter besonderen Umständen lebe, habe ich mit 16 oder 17 kapiert. Bis dahin dachte ich, so ist das Leben, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich nie das Gefühl hatte, besonders zu sein. Ich war als Kind bei Paraden auf dem Roten Platz, Stalin stand nicht weit entfernt, ich stand unter den ausländischen Botschaftern mit einer roten Fahne da und winkte. Mein Vater nahm mich zu den Paraden mit, und irgendwie dachte ich, dass all die Marschälle auf den Pferden, die Panzer und Kanonen auch für mich vorbeizogen. Der 1. Mai war üblicherweise ein warmer, schöner Tag, und man könnte sagen, ich habe als Bub die Paraden abgenommen. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dass jemand anderer klüger ist, oder weiter springt als ich, und ich mich anstrengen müsste, etwas Gutes und Wichtiges zu tun. Gott hat mir quasi gesagt, mach weiter, mach es besser – und das ist bis heute so geblieben.

Als Sie 1979 „Metropol“, einen Almanach mit Texten halb-offizieller, halb-inoffizieller Literatur herausgaben, wurden Sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, Ihr Vater verloren seinen Job als Diplomat. Der Vater stand zu Ihnen und meinte „In unserer Familie gibt es bereits einen Leichnam, wir brauchen keinen zweiten.“

Jerofejew: Aus diesen Worten ist der Roman „Der gute Stalin“ entstanden, genau aus diesen Worten. Er weigerte sich, einen Brief zu unterschreiben, in dem er sich von mir distanzieren sollte. Ich habe damals verstanden, dass daraus einmal ein Buch entstehen würde. Mein Vater war ein großartiger Mensch. Er hat mir nie vorgeworfen, dass er wegen mir die Arbeit verloren hat – ich verneige mich bis jetzt vor ihm.

Haben Sie nie daran gedacht, das Land zu verlassen – heute sprechen viele davon …

Jerofejew: Nein! Ich bin in meiner Seele immer wieder aus diesem Land emigriert, aber die Frage der Emigration hat sich nie gestellt. Ich lebe schon seit langem als freier Mensch. Meine erste Frau war Polin, meine zweite Frau Ukrainerin – ich habe also auch in diesen Ländern gelebt.

Der Verlag Matthes & Seitz plant eine ganze Reihe Ihrer Bücher wieder aufzulegen. Kommt auch ein neues Buch?

Jerofejew: Es wird eine Fortsetzung von „Der gute Stalin“ geben, die bereits geschrieben ist. In „Der gute Stalin“ ging es um mein Leben in der Sowjetunion, im neuen Buch um mein Leben unter Putin. Vermutlich wird es „Der Große Gopnik“ heißen. „Gopnik“ ist ein kleiner Wüstling und Hooligan, ein großer „Gopnik“ ist also ein Paradox. Es geht dabei nicht nur um jenen, der herrscht, sondern vor allem um die Mentalität des russischen Volkes. Unser Volk ist ein solcher großer „Gopnik“ – voller aufgestautem Hooliganismus, der Gewalt verherrlicht, und vom Wunsch nach Straffreiheit beherrscht wird; voller Gelüste, zu dominieren und Schwächere zu erniedrigen. In der Geschichte Russlands stand die Macht auf der einen Seite, und das Volk auf der anderen. Sie verstanden einander nie. Im 21. Jahrhundert sind diese beiden Wesenheiten miteinander verschmolzen. Über dieses Phänomen hat noch niemand geschrieben. Genau davon handelt mein neues Buch.

Mit einem Wort, Sie sind ein glücklicher Mann …

Jerofejew: Hören Sie, würde ich sagen, ich bin nicht glücklich – wer könnte sich noch als glücklich bezeichnen?

 

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