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Anzeiger 11/2020 – Sektionschef Tuzzi im Gespräch

Der legendäre Spitzenbeamte in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der ebenso dezent wie elegant aus der Welt räumt, was seine Oberen verbockt haben, findet in Manfred Matzka eine gegenwärtige Verkörperung – und schreiben kann er auch noch

Interview: Erich Klein

Manfred Matzka (Jg. 1950), Jurist und Autor, begann seine Beamtenlaufbahn im Verfassungsdienst des Bundeskanzleramtes, wechselte ins Innenministerium und war von 1999 bis zu seiner Pensionierung 2015 Leiter der Präsidialsektion im Bundeskanzleramt. Mit „Die Staatskanzlei: 300 Jahre Macht und Intrige am Ballhausplatz“ verfasste er 2017 eine Geschichte seines früheren Arbeitsplatzes; ­soeben erschien im Brandstätter Verlag deren Fortsetzung „Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren: 300 Jahre graue Eminenzen am Ballhausplatz“. Der anzeiger traf den Autor am Tag nach dem Wiener Terroranschlag.

Herr Matzka, Ihre Reaktion auf den Terroranschlag?

Manfred Matzka: Tiefste Betroffenheit und Entsetzen. Ich saß auf der anderen Seite des Schwedenplatzes im Restaurant, das verdunkelt wurde, als man hörte, dass jemand mit Gewehren unterwegs ist. In der eher politischen Runde waren alle entsetzt, dass so etwas in der ruhigen österreichischen Landschaft passiert. Sozialstruktur und Integrationssituation sind bei uns nicht so beschaffen, dass sich in den Vorstädten Gruppierungen bilden und Youngsters in die Innenstadt ziehen, um etwas niederzubrennen. Aber offenbar gibt es an den Rändern Erscheinungen, vor denen niemand mehr gefeit ist. Deshalb muss man schon fragen, in welchen Zeiten wir leben. Ich bin siebzig Jahre alt und hätte mir so etwas vor zwanzig Jahren nicht vorstellen können.

Sie wurden 1950 in Waidhofen an der Thaya geboren …

Matzka: Ich komme aus Puch bei Waidhofen, einem Dorf mit siebenundvierzig Häusern. Wenn man durch den Wald ging, stieß man an den Eisernen Vorhang, und dort war die Welt zu Ende. Mein Vater war Dorfschullehrer und ich das einzige Kind im Dorf, das aufs Gymnasium ging. Es war eine sehr ruhige Welt (lacht), was mir eine schöne Kindheit bescherte. Man konnte oft von den Bäumen fallen und hatte viel Zeit, Klavier zu üben. Ich hatte mit siebzehn erstmals ein Taschenbuch in der Hand, auf dem nicht Karl May stand. In einem Fernsehfeature einige Jahre später erzählten zwei Jugendliche, was sie zuletzt gelesen hatten. Einer ein Buch über die letzte Fußballeuropameisterschaft, der andere konnte gar nichts sagen. Ich weiß nicht mehr, welche Zeitungen es beim Greißler in Puch gab – viele werden es nicht gewesen sein. Es gab keine politische Literatur, ’68 fand nicht wirklich statt, auch am Gymnasium gab es keinen politischen Dialog. Das Fortschrittlichste für junge Burschen war der Mittelschüler-Kartell-Verband, dort konnte man immerhin eine Zeitung machen. Man hat ein wenig die Wahl verfolgt, und das war’s dann.

Der Weg eines Waldviertler Lehrersohnes führt nicht automatisch zur SPÖ …

Matzka: Da waren auch einige Brüche dabei, schmerzlich genug. Ich kam vom Land und die Kinder diskutierten in der Stadt Dinge, von denen ich noch nie gehört hatte. Der Weg vom Waldviertel nach Wien in die Studentenorganisationen und in den VSSTÖ, oder der Weg von Puch zum Präsidialchef des Kanzleramts war jedenfalls ein weiter Weg, sehr viel länger als die einhundertzwanzig Kilometer Luftlinie. Ich wollte ursprünglich Musik studieren und bestand auch die Aufnahmsprüfung an der Akademie, kam dann aber zu einem Seminar des Europäischen Forums Alpbach. Diese Veranstaltung war das Wildeste, was ich in meinem Leben erlebt habe: Von völlig verwirrten Maoisten bis zu extrem rechtslastigen Schmiss-Brüdern war da alles. Es ging drunter und drüber, und in der Diskussion über die Schuld am Bürgerkrieg des Jahres 1934 wurde fast gerauft. Mich hat dieses Erlebnis stark politisiert, und da mir beim Bundesheer in Stockerau unendlich fad war, fuhr ich öfter nach Wien zu jener Gruppe, die das Seminar für das folgende Jahr vorbereiten sollte. Die Linken in dieser Gruppe waren den Rechten argumentativ überlegen, so schloss ich mich den Linken an. Später führte das gelegentlich zu kuriosen Situationen: Als ich im Parlament auf den Abgeordneten Jörg Haider traf, der mich begrüßte und mir auf die Schulter klopfte, schauten alle scheel. (lacht)

Haben Sie wie Bundeskanzler Schüssel bei Jazzmessen mitgesungen?

Matzka: Ich kann auf andere Erfahrung zurückgreifen: Als mein Vater in den damals noch sehr postfeudalen Strukturen seinen Lehrerposten bekommen hatte, musste er sich auch verpflichten, Orgel zu spielen. Er war total unmusikalisch, so sagte ich mit siebzehn manchmal zu ihm: Vater, ich spiel dir die Messe.

Eine wissenschaftliche Karriere hat sie nie ­interessiert?

Matzka: Jein. Ich heuerte zwar unmittelbar nach dem Studium als Uni-Assistent am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an, aber es gab dann doch ein Schwanken zwischen Wissenschaft und Politik. Ich wollte auch eine politische Karriere anstreben, habe aber eine entscheidende Wahl in der Jugendorganisation der Sozialdemokratie verloren. Der Schritt in den Verfassungsdienst war durchaus logisch, wobei es auch persönliche Einflüsse gab. Die damalige Ministerin Hertha Firnberg, die mich als VSSTÖ-Obmann schalt, wenn wir wieder einmal demonstrierten, sagte zu mir: Es hat wenig Sinn, wenn du Aufsätze schreibst und zwei Löcher zum Abheften hineinmachst. Tu, was du dir denkst, in Wirklichkeit und schau dir einmal die Verwaltung an.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie über den Moment, in dem Sie dachten, jetzt der Macht ganz nahe zu sein …

Matzka: Die Momente, in denen man das Gefühl hat, jetzt habe ich etwas entschieden, sind relativ häufig, weil man es subjektiv so wahrnimmt. Als zum Beispiel Schengen in Kraft trat – ich hatte die Vorverhandlungen geführt, wir fuhren nach Salzburg, und die Grenzbalken wurden aus den Angeln gehoben –, hatte ich wirklich das Gefühl, ohne mich würde das jetzt nicht geschehen. Das heißt nicht, dass ich das reisefreie Europa erfunden habe, die Grenzen wären auch ohne mich aufgegangen. Es gibt in Wirklichkeit keine Monokausalitäten, auch wenn der subjektive Faktor als Gefühl eine gewisse Rolle spielt. Österreichs Schengen-Beitritt wäre damals nicht möglich gewesen, hätte nicht Kanzler Kohl in einer entscheidenden Phase gesagt, ich will, dass die Grenze zwischen Deutschland und Österreich fällt. Wie wichtig aber das persönliche Moment ist, merkt man, wenn Fehler gemacht werden, die sich in der Folge verhängnisvoll weiterentwickeln. Sehr gut nachzulesen in Barbara Tuchmans „Torheit der Regierenden“. Auf der eine Seite große Macht zu haben und andrerseits getrieben zu sein, war auch das Faszinierende beim Schreiben meines Buches über die Hofräte, Spin-Doktoren und Ratgeber: An einzelnen Figuren nachzuzeichnen, wie weit sie Einfluss hatten oder auch nicht – sind es Figuren, die Bedeutung hatten?

Ab wann war Ihnen die Bedeutung des Hauses am Ballhausplatz klar?

Matzka: Das war schon früher der Fall, in der ersten Zeit im Kanzleramt in den 1980er-Jahren, als Kreisky dort saß. Das Haus war kein Finanzamt, sondern eine Stelle, von der auch ein bisschen Weltpolitik ausging. Wenn man die Fahnenständer, hereinmarschierende ausländische Potentaten oder UN-Generalsekretäre sieht, weiß man, das ist mehr als eine Hütte mit Schreibtischen. Als ich nach viel zu langen Jahren im Innenministerium 1999 ins Kanzleramt zurückkehrte, sagte ich mir, du sammelst jetzt Material, vielleicht wird daraus einmal etwas. Die Beschäftigung mit dem Haus kulminierte dann in der Vorbereitung auf das Jubiläum des Wiener Kongresses. Das sollte etwas Großes werden – eine internationale Großveranstaltung mit den Mächten von damals und einer Aufführung von „Fidelio“ am Minoritenplatz. Die Regierungsspitze nahm meine Planung schmunzelnd zur Kenntnis, dann begann ein Gerangel zwischen Kanzler und Vizekanzler und schließlich kam, was in einer großen Koalition oft geschieht, gar nichts heraus. Ich machte dann Zufallsfunde aus ganz anderen Zeiten. In einem dicken Aktenkonvolut des Verfassungsdienstes tauchte etwa ein A4-Zettel mit der Unterschrift „Otto Habsburg“ auf. Es handelte sich um die Erklärung, die er 1963 abgegeben hatte, um wieder einreisen zu dürfen – eine Verzichtserklärung, wenn man so will. Am linken oberen Rand befindet sich eine Ein-Schilling-fünfzig-Stempelmarke. Wenn ein Kaisersohn fürs Abdanken eine Ein-Schilling-fünfzig-Stempelmarke zahlt, sagt das Einiges aus: nicht nur über die Kaisertreue der Österreicher, sondern auch über die Österreichtreue der Kaiser. Auch ein Kaiser weiß, was eine Stempelmarke ist.

Die Sozialdemokratie hat lange an Habsburg-Kannibalismus laboriert …

Matzka: Das Habsburg-Thema hat mich nie interessiert. Mein Zugang zur Geschichte ist ein anderer. Wenn ich von Maria Theresia spreche, dann nicht von der Repräsentantin eines menschenverachtenden Repressionsregimes, in dem etwa religiös Andersdenkende niederkartätscht wurden – diese Dimension kenne ich zwar auch, aber ich kann wenig dazu sagen. Worin ich mich auskenne, das ist die technokratisch-josephinische Dimension. Man findet bei Maria Theresia Elemente, die noch heute Aktualität besitzen, ja sogar zukunftsweisend sein könnten. Ein Lieblingsbeispiel ist die Vermessung Istriens. Als das Landvermessen, das in Österreich seinen Ursprung in der Neunkirchner Allee hat, verbessert werden sollte, entschied man sich unter Maria Theresia für Istrien, der Berg Učka in der Landesmitte war fürs Triangulieren bestens geeignet. Die Vermessung wurde an Private ausgeschrieben, die, wenn sie genau arbeiteten, gutes Geld verdienten. Waren sie schlampig, war der Reibach schon geringer. Ein Modell für Public Private Partnership vom Feinsten! Ich beschäftige mich mit Dingen wie der kontinuierlichen Entwicklung der Kanzleiordnung des alten Kaunitz bis zum heutigen elektronischen Aktensystem. Im neuen Hofräte-Buch geht es um die Verwaltung im Lauf von dreihundert Jahren und wie sehr sich die grauen Eminenzen bei aller Unterschiedlichkeit ähneln.

Wie gehen Sie mit Franz Kafka um, der in ­seinem „Schloss“ einen Landvermesser zum Protagonisten macht …

Matzka: Kafka kommt von der anderen Seite auf das Thema zu, indem er das Dunkle, Undurchdringliche, Verwirrende und Unlösbare extrem gut herausarbeitet. Ich konzentriere mich auf technokratische Gestaltung, und wie man etwas umsetzt. Ich kenne keine Karte und keinen Kataster, den Kafkas Landvermesser gemacht hätte, was er allerdings auch nicht vorhatte. Seine Lektüre bereitet auch ein wenig Angst. Meine Tradition ist eine der Aufklärung und des Josephinismus, der bei Figuren wie Renner oder Kelsen als sozialdemokratischer Etatismus wieder ins Spiel kommen. Man glaubte daran, dass man mit einer Verfassung eine Gesellschaft ändern könne, und wenn das mit dem Parlament in der richtigen Hand liege, gehe alles zum Guten

Wer sind für Sie die „Good Guys“ und die „Bad Cops“ der dreihundertjährigen Geschichte des Ballhausplatzes?

Matzka: Die Frage fürchte ich immer, weil ich sie kaum beantworten kann. Sie sind mir alle gleich lieb. (lacht) Ich fange mit dem „Bad Guy“ an, einer doppelköpfigen Hydra: Sektionschef Hecht und Professor Kastner. Ersterer hat 1933/34 entscheidend zum Untergang der österreichischen Demokratie beigetragen. Als brillanter Jurist und voll im Dienst seines „Politruks“, des Ministers Vaugoin, baute Hecht jene Maschine zusammen, die die ganze Rechtsordnung außer Kraft setzte. Die Terminologie „Selbstausschaltung des Parlaments“ stammt ebenso von Sektionschef Hecht wie der Trick mit dem „kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz“. Den mag ich so wenig wie Professor Kastner, der schon in seiner Jugend ein illegaler Nazi war. 1938 ins Kanzleramt befördert, führte er akribisch die Arisierung der jüdischen Industrie durch. Als „schwerbelastet“ leistete er nach 1945 Zwangsarbeit, wurde dann aber ins Ministerium für Vermögenssicherung gerufen, wo er die Restituierung jener Vermögen durchführte, die er vorher arisiert hatte. In seiner Autobiografie schrieb er: „Ich habe immer nur dem Staat gedient.“ Er meinte noch, es sei unter den Nazis besonders lustig gewesen, weil tatsächlich geschah, was man sich so ausdachte und anordnete. Das schlägt dem Fass den Boden aus!

Und wer waren die positiven Akteure?

Matzka: Auch hier gibt es ein Doppel: Der Erste ist Friedrich von Gentz, Sekretär des Wiener Kongresses 1814/15, Kabinettschef von Metternich. Schon als Jugendlicher ein faszinierender Schreiber – seine Pamphlete gegen Napoleon sind unglaublich. Ein Wendehals, der die Französische Revolution erst befürwortet, dann bekämpft und eine Friedensvision für Europa entwickelt hat: Balance, Kooperation und Ausgleich unter den Staaten. Auf sein Konto gehen aber auch die Beschlüsse, in Europa alle revolutionären Bewegungen rigoros zu unterdrücken. Andrerseits fasziniert, dass er ein Hallo­dri der Extraklasse war, der Geldgeschäfte machte, wo es nur ging. Im Jahr des Wiener Kongresse nahm er sechzigtausend Gulden an Geldgeschenken ein – umgerechnet fast eine Million Euro. Compliance gab es damals noch nicht. Noch mit fünfundsechzig lachte er sich die neunzehnjährige Tänzerin Fanny Elssler an, der er Schriftdeutsch beibrachte. Meine zweite positive Figur ist ein Gegenbeispiel zu Hecht und Kastner – Botschafter Hans Thalberg. Er war ein bescheidener Mensch, Jude, Vertriebener, der 1946 zurückkam und im Außenministerium unter jenen Leuten saß, die vorher für Österreichs verhängnisvollen Weg verantwortlich gewesen waren. Trotzdem findet er sich zurecht, wird Kreisky-Berater, ist im Hintergrund tätig und tritt wieder ins zweite Glied zurück. Auch das ist Österreich und ein österreichischer Bürokrat!

Unter Ihren Figuren ist auch Robert Musil, dessen Arbeitsplatz sich kurzfristig am Ballhausplatz befand.

Matzka: Natürlich fasziniert mich Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein tolles Buch – fast wie von einem Sektionschef geschrieben, was das Grundverständnis für die österreichische Verwaltung und Bürokratie betrifft, auch seine Sicht auf Wien als Kopf des Reiches. Als Hochbürokrat mit fünfunddreißig Jahren Erfahrung liest man es vermutlich auch ganz anders als jemand, der diese Erfahrung nicht hat. Wahrscheinlich kann nur ein österreichischer Beamter Musil richtig lesen. Das habe ich jetzt so nicht gesagt, aber da ist schon etwas dran. (lacht) Vielleicht gilt das in gewisser Weise auch für Heimito von Doderer. Das ist eine Seite der Medaille – andrerseits gilt für Musil, Doderer und auch Stefan Zweig, dass sie irgendwo stehen geblieben sind. „Die Welt von Gestern“ ist nicht nur ein Buchtitel, sondern bezieht sich auch auf die Beschäftigung mit der Welt von gestern. Das ist eine lehrreiche Auseinandersetzung mit der Geschichte, die mir in der Beschäftigung mit Blick nach vorne nicht so viel bringt, wenngleich ich es gern lese. In meiner Bibliothek stehen diese Bücher in der Abteilung Vergangenheit – zur Abteilung Zukunft gehören andere.

Zum Beispiel welche?

Matzka: Viel aus dem politischen Bereich, Bücher, die sich mit künftigen Tendenzen befassen, aber auch Bücher über die Vergangenheit wie Tuchmans „Torheit der Regierenden“ oder Christopher Clarks „Schlafwandler“ über den Ersten Weltkrieg. Fukuyamas „Ende der Geschichte“ hat sich zwar nicht bewahrheitet, ist aber ein gutes Buch. Ich bedaure, dass in der zeitgenössischen österreichischen Literatur diese Weite der genannten Autoren, aber auch deren sprachliche Eleganz nur noch selten zu finden ist. Ich hätte gern mehr Autoren, die so gut schreiben können, wie Peter Matic spricht, mit dieser österreichischen Perfektion und mit diesem Hintergrund. Ich hätte gern Bücher, die sich durch eine österreichische Sprache von der deutschen unterscheiden. Wir haben sie nicht – schade.

Gibt es zu wenig Österreich-Patriotismus?

Matzka: Ich weiß nicht, ob es um Patriotismus geht – in der Sprache haben wir zu wenig Österreich-Patriotismus. Offensichtlich gelingen uns im Bereich der Musik mehr Höchstleistungen als in anderen Bereichen der Kunst. Bei der Malerei muss ich passen – bei der Sprache hatten wir es aber in greifbarer Nähe. Es gibt zeitgenössische Autoren, die mich beeindrucken, aber mehr aufgrund ihrer Gesamtsettings, nicht durch ihre Sprache. Da ist noch Luft nach oben – und ich würde das nicht aus patriotischen Gründen für gut halten, sondern weil es mich überzeugt, weil es schön ist und mich fasziniert. Leider gab es in der sozialdemokratischen Arbeiterkultur irgendwann einen Bruch. Es entstand etwa die Idee, das rote Volkstheater müsse das bessere Burgtheater oder die bessere Josefstadt sein. Besonders deutlich ist das in der Architektur. Wenn es jemand kann, sollte einmal ein Essay über die Wohnsituation sozialdemokratischer Politiker geschrieben werden: Wie schauen deren Häuser und die Einrichtung dieser Häuser aus? Warum schauen Häuser nach 1945 nicht so aus wie die von Adolf Loos komponierten würfelförmigen Einfamilienhäuser, sondern haben diese postfaschistischen Giebel? Im kulturellen Bereich suchte man Zuflucht bei bourgeoisen oder sogar feudalistischen Kulturformen.

Ein schönes Beispiel ist das Kanzleramt mit seiner Neugestaltung nach dem Krieg durch Oswald Haerdtl.

Matzka: Mit ihm wurde immerhin ein Architekt gefunden, der nicht belastet war. Den Preis dafür hat ein Journalist so charakterisiert: „Linzer Bahnhof mal Neobarock.“ Das Bundeskanzleramt schaut in der Tat so aus. Modern gemacht, aber man erkennt ein bisschen die Reichskanzlei, und dann gibt es im Kanzlertrakt aus den Fünfzigerjahren noch diese unsägliche Vielfalt an Bundesadlern, die dort herumfliegen. Ich glaube sogar, Haerdtl war das bewusst und machte sich darüber auch lustig. Im Marmorecksalon sitzen auf den großen Spiegeln zwei Adler in nicht sehr heraldischer Pose und tratschen mitei­nander. Im Dienstzimmer des Bundeskanzlers gibt es einen mit Bundesadlern gesäumten Spiegel, die am unteren Rand, gut Wienerisch gesprochen, „oaschhoch“ angeordnet sind; mit den Pürzeln nach oben.

 

(c) Stefan Knittel